DAS MEDIKAMENT von I. Gülden

Ich setze mich auf einen Gartenstuhl und schiebe einen weiteren für meine Beine und lege sie dort überkreuzt ab. Der leichte Stoff meines mit Gänseblümchen bestickten Kleides reicht knapp über meine Knie. Eine leichte Brise streicht über meine leicht gebräunten Beine und kitzelt mich an der Stelle. Ich lehne mich leicht nach hinten in den Gartenstuhl aus massivem Akazienholz und betrachte den Titel des Buches auf meinem Schoß. Mit den Fingern meiner rechten Hand fahre ich über die gewölbte und geschwungene Schrift. Ich schlage die erste Seite des ersten Kapitels auf und lege meinen Daumen dazwischen, während ich mit der linken Hand meinen frisch gepressten Orangensaft vom Tisch hebe und zu meinen Lippen führe. Bei dieser Bewegung klimpern die silbernen Anhänger meines Armbands und erinnern mich an meinen Urlaub im Sommer letzten Jahres in Italien, wo ich dieses Schmuckstück erworben habe. Dann nippe ich gedankenverloren an meinem Getränk und betrachte die drei Eiswürfel im Glas. Es ist durch die Maßnahmen der Landesregierung wahnsinnig ruhig in der Umgebung geworden und man hört nur ab und an Meisen fröhlich in der Luft tanzen. Ich gehe selten aus dem Haus und widme meine Aufmerksamkeit häufig meinen Büchern, die ich vom Flohmarkt in der Innenstadt ergattern konnte.

Plötzlich reißt mich das Klingeln meines Handys aus meinen Gedanken und ich schrecke hoch. Ich lege mein Buch, bevor ich die ersten Wörter überhaupt gelesenen habe, zusammen mit meinem Getränk auf den Tisch und hebe das Handy, welches ebenfalls dort liegt und starre auf den Namen des eingehenden Anrufs: Anna. Für einen Bruchteil der Sekunde zögere ich und kann mich schließlich aus meiner Starre befreien und hebe ab, während ich das Handy in meiner linken Hand umfasse und an mein linkes Ohr führe. „Hallo Anna“, melde ich mich mit einem unwohlen Gefühl in der Magengegend. Sie hat sich seitdem ihre Mutter ins Krankenhaus gebracht wurde nicht mehr gemeldet, trotz meiner vielen Nachrichten und Anrufe, die unbeantwortet blieben. „Ich brauche deine Hilfe“, flüstert sie und ich umfasse das Handy unbewusst fester. „Was…“, setze ich an, doch beende die Frage nicht. Es fühlt sich wie ein Sturm voller Fragen in meinem Kopf an und ich merke, wie ich mich aufrichte und meine nackten Füße auf dem Rasen absetze. „Ich glaube, dass ich meiner Mutter helfen kann den Kampf gegen Corona zu besiegen.“ Es ist bloß ein Flüstern und wird begleitet von einem Schluchzen. Ich weiß nicht, wie schlecht es ihrer Mutter geht, aber ich erahne es. „Es ist die letzte Hoffnung.“, fügt sie hinzu und verstehe sie kaum mit ihrer bebenden Stimme. „Was kann ich tun?“, frage ich schließlich. Stille. Sie versucht sicherlich ihre Gedanken zu sammeln und sich zu beruhigen, damit ihre Stimme nicht bricht, während sie die nächsten Worte ausspricht: „Es gibt ein Medikament. Ein Medikament, welches noch nicht ausreichend erforscht ist. Meiner Mutter geht es aber nicht gut und ich befürchte, sie wird die nächsten Tage nicht…überleben. Die Ärzte können nicht viel unternehmen und verabreichen Medikamente gegen Malaria und fiebersenkende Mittel. Die Nächte kann sie kein Auge zudrücken und wenn ich mit ihr telefoniere, hört es sich an als würde ich mit einer leblosen Person reden, die nichts mit meiner lebensfrohen Mutter gemein hat.“ Sie macht eine kurze Pause und schluckt leise. Die Worte wirken auf mich und in meinem Kopf fängt es an zu arbeiten. Ich kriege kein Wort raus. „Du weißt ja, dass mein Vater im Labor arbeitet. Er liegt jetzt gerade krank im Bett, weil er auch Symptome einer Infizierung mit dem Virus zeigt und ununterbrochen wegen meiner Mutter weint. Ich kann leider nicht zu ihm. Ich habe aber herausgefunden, dass in seinem Labor erforscht wird und es dieses Medikament gibt. Wie ich an diese Information rangekommen bin, ist eine lange Geschichte und das erzähle ich dir ein andermal.“ Ich versuche immer noch zu begreifen, was sie mir gerade anvertraut hat und bemerke jetzt erst meine feuchten Finger an meinem Handy und löse sie leicht. Sie erklärt mir ausführlich die Vorgehensweise und ich versuche alles aufzunehmen, aber es gelingt mir nicht richtig. „Ich kann mich auf dich verlassen, oder?“, fragt sie. Ich nicke und antworte nach einer gefühlten Ewigkeit: „Ja“. Ein Wort, eine Silbe und zwei Buchstaben, geben ihr die Hoffnung, dass ihre Mutter weiterleben kann. Sie atmet stockend, doch erleichtert aus. „Gut“, gibt sie zurück und beendet das Telefonat, ohne sich zu verabschieden, da wir uns in wenigen Minuten wiedersehen werden.

Ich sprinte ins Haus, ziehe mir eine schwarze, verwaschene Kapuzenjacke an und dazu eine schwarze enge Hose, so wie die Darsteller sich in Filmen anziehen, wenn sie kurz davor waren, sich in kriminelle Machenschaften verwickeln zu lassen. Dazu suche ich mir einen neuen Mundschutz sowie Handschuhe. Es klingelt an der Tür und ich bin froh, dass ich heute ausnahmsweise allein zu Hause bin, weil meine Eltern mit Schutzmasken und Handschuhen ausgestattet, sich in die Schlacht des Lebensmittelhandels begeben haben. Als ich die Tür öffne, steht Anna vor mir und betrachtet erst meine Kapuzenjacke, dessen Kapuze ich über meinen Kopf gezogen habe, dann wandert ihr Blick zu meiner schwarzen Hose. Sie lässt ein breites Grinsen aufblitzen. Ich starre sie verwirrt an und als sie meinen Gesichtsausdruck bemerkt, sagt sie: „Mir war nicht zum Lachen zumute, aber das…“, und macht eine Handbewegung, mit welcher sie mein gesamtes Outfit meint. Ich schaue an mir hinab und begreife immer noch nicht, was an dieser Wahl, falsch sein könnte.

„Wir gehen ins Labor und wir ziehen uns weiße Kittel an, weshalb das überflüssig ist. Ich habe dir doch alles erklärt.“, sagt sie und drückt mir einen Ausweis in die Hand. „Ach jaaa….“, gebe ich zurück mit meiner gedämpften Stimme unter dem Mundschutz und tue so, als würde ich mich an ihre Worte erinnern und verfluche mein Gehirn für die mangelnde Aufnahmefähigkeit in Stresssituationen. Doch Anna ist meine beste Freundin und wirft mir einen vielsagenden Blick zu. Ich folge ihr zu ihrem Auto und setze mich auf den Beifahrersitz.
Am Eingang des Labors angekommen, zückt Anna einen Schlüssel. Wir treten ein und schaffen es uns unbemerkt umzuziehen. Als Annas Kittel jedoch an ihrem Hosenbund hinten hängenbleibt und sie versucht den Saum aus ihrer Hose zu befreien, erhasche ich einen Blick auf etwas schwarzes, dass an ihrer Hüfte für eine Wölbung sorgt, welches verdächtig nach einer…
„Du hast dich doch nicht ernsthaft bewaffnet“, flüstere ich entsetzt und weite die Augen vor Schreck. Sie sieht mich gleichgültig an und winkt ab. „Die ist nicht echt. Glaubst du etwa, dass dort die Laboranten das Medikament freiwillig rausrücken? Keine Sorge, ich weiß, was ich tue, um meine Mutter vor diesem…Corona zu retten“, gibt sie genauso leise zurück und verzieht angewidert das Gesicht bei dem Namen Corona. Es scheint mich ein kleines bisschen zu beruhigen, dennoch bin ich skeptisch.

Als ich Schritte höre, verstecke ich mich abrupt in der Ecke zwischen einem Schließfach und der Wand und schiele zu Anna rüber, die sich nicht bewegt hat und ihre Schutzbrille aufsetzt. „Wir sind Laboranten, schon vergessen?“, erinnert sie mich leise daran, ohne mich anzusehen. „Ach jaaa….“,sage ich und mache einen vorsichtigen Schritt aus meinem Versteck und kratze mir dabei an meinem Hinterkopf. Die Schritte sind nicht mehr zu hören. Mein Armband ist bei dieser Bewegung zu hören und ich löse es schnell von meinem Handgelenk und lege meine Sachen in die Baumwolltasche, die Anna mir hinhält. „Bereit?“, fragt sie mich. Ich gehe nochmal mental die Schritte durch, die sie am Telefon und während der Fahrt zum Labor aufgezählt hat.
„Bereit?“, wiederholt sie die Frage ungeduldig. Ich nicke vorsichtig. Sie betrachtet mich einen weiteren Moment lang und geht schließlich vor.

Vor der Tür, die zum Labor führt, bleiben wir stehen und vermeiden es ins runde Fenster, welches in der Tür eingebracht ist, zu schauen, um nicht bemerkt zu werden. „Ich löse gleich den Alarm aus und du wirst dich verstecken und warten bis alle rausrennen.“, sagt sie leise und verschwindet in einem Raum. Ich verstecke mich schnell in einem anderen Raum direkt neben dem Labor, das sich als Abstellkammer für Putzmittel herausstellt. Mein Herz pocht. Ich schließe die Augen und versuche mich zu beruhigen, was mir sichtlich nicht gelingt, da sich lauter kleine Schweißperlen auf meiner Stirn bilden. Es ist dunkel und klein in diesem Raum und diese Erkenntnis beruhigt mich wenigstens ein bisschen. Ich atme tief ein und wieder aus, versuche meine Atemzüge zu kontrollieren. Wieder atme ich tief ein… und in diesem Moment geht der Alarm los. Ich reiße die Augen auf und versuche in der Dunkelheit Umrisse zu erkennen. Wenn ich die Tür öffne muss ich professionell wirken und so tun, als würde ich zu den Laboranten gehören. Ich höre ein paar Schritte und kann nicht deuten, wie viele dort sind.

Langsam öffne ich die Tür und erkenne zwei Laboranten mittleren Alters. „Wer sind Sie?“, fragt ein Mann. „Ich soll das Gebäude evakuieren. Folgen Sie mir.“, sage ich mit fester Stimme und gehe in Richtung Ausgang. Als ich merke, dass keiner der beiden sich gerührt haben, drehe ich mich um. „Worauf warten Sie? Es ist in einem Labor ein Feuer ausgebrochen und Sie müssen alle raus.“, erkläre ich. Langsam setzen sie sich in Bewegung und folgen mir. Wir bleiben mit drei Metern Abstand vor dem Eingang stehen, während ich hoffe, dass Anna schnell alles einsammelt.
„Und wie lange werden wir hier stehen?“, fragt die Frau. „Solange, bis ich den Befehl erhalte, dass sie reindürfen.“ Die Frau mustert mich von Kopf bis Fuß und verschränkt die Arme vor der Brust. „Irgendetwas stimmt hier nicht“, erwidert sie und betont jede Silbe. So langsam sollte sich Anna beeilen, weil diese Frau ziemlich skeptisch ist. „Ich gehe jetzt rein. Ich kenne hier jeden einzelnen Mitarbeiter und Sie gehören garantiert nicht dazu.“, sagt der Mann genervt. Beide gehen auf den Eingang zu. Ich laufe panisch hinter ihnen her. Als ich mich mit schnellen Schritten vor den Eingang stelle, schieben sie mich weg und treten ein. Ich versuche sie aufzuhalten, doch bald sind sie schon im Labor.

Vor dem Labor bleibe ich wie erstarrt stehen. „Was machst du hier?“, fragt mich eine bekannte Stimme hinter mir. Ich drehe mich um und erkenne ein bekanntes Gesicht.
Annas Vater. „Wie geht es deiner Frau?“, bringe ich hervor. Er schaut mich verwirrt an. „Meiner Frau? Wie soll es ihr gehen?“ Nicht gut. Gar nicht gut. Mir wird schwindelig. Ich wurde von meiner besten Freundin belogen.

Und dann höre ich einen Schuss aus der Ferne. Und einen weiteren. Mir wird schwarz vor Augen.