DER ANRUF von C. Hafenmeyer

Der Morgen begrüsste sie wie zum Hohn in dieser Zeit strahlend und mit fröhlichem Vogelzwitschern. ,,Die Natur lebt jetzt erst richtig auf, nachdem wir sie nicht mehr so schikanieren,“ sagte sie leise zu sich selbst. Solche Selbstgespräche waren an der Tagesordnung, seit ihr Mann sie vor vielen Jahren verlassen hatte, nicht ohne vorher ihr grenzenloses Vertrauen eiskalt missbraucht zu haben. Seitdem konnte niemand mehr ihre Zuneigung gewinnen. Zu tief saß die bittere Enttäuschung in ihrem nun schon 79jährigen Herzen verankert. ,,Erika, du musst dringend einkaufen,“ war ihre Feststellung nach einem suchenden Blick in den Kühlschrank. Da sie solange wie möglich alles allein bewältigen wollte und sie ihre kleine Wohnung liebte, kam ein Umzug in ein Seniorenheim nicht in Frage. So band sie sich ihren Mundschutz um und wollte den Rollator holen, als das Telefon klingelte. Sie stutzte. Anrufe waren eher die Ausnahme in ihrem einsamen Alltag. Neugierig meldete sie sich knapp:,,Ja bitte.“ ,,Hast du mich etwa heute vergessen, du treulose Seele? Ich habe schon nen`Riesenappetit auf den Kartoffelsalat und die Bockwurst,“ beschwerte sich belustigt eine männliche Stimme. ,,Was soll das? Wer ist da? Veralbern kann ich mich allein,“ Erika wurde ungehalten. ,,Ähm, spreche ich nicht mit Margit vom Lieferservice?,“ kam es hörbar verunsichert zurück. ,,Nein, da haben sie sich wohl verwählt,“ erwiderte Erika genervt und wollte auflegen.,,Oh, das tut mir sehr leid. Ich hoffe, ich habe sie nicht gestört,“ entschuldigte sich der Mann. ,,Aber sie haben die gleiche angenehme Stimme wie die Dame vom Lieferservice.“ Stille. Komplimente waren zuviel für Erika. Die letzten mussten Jahrzehnte her sein. Doch sie wollte nicht unhöflich wirken:,, Tja, ähm danke, aber ich muss jetzt einkaufen gehen.“ ,, Da haben sie es aber gut, wenn sie das können,“ beeilte sich der Mann. ,,Ich bin nämlich in häuslicher Corona Quarantäne. Ein Lieferservice stellt mir das Essen vor die Tür und was ich sonst so brauche. Das ist ein Segen, wirklich.“ Normalerweise hätte sie das Gespräch beendet, aber was war heute noch normal? Ausserdem überkam sie etwas wie Mitleid. ,,Also gut,“ dachte Erika. Ein unverbindliches Telefongespräch bringt in diesen Zeiten etwas Abwechslung. Und die Stimme war ihr ungemein sympatisch. ,,Wie heissen sie denn und wo wohnen sie?“, wollte Erika wissen. ,,Mein Name ist Karl Gruber. Ich wohne in der Kastanienallee 5,“ kam es ob des offensichtlichen Interesses freudig zurück. ,,Oha,“ dachte Erika. ,,Das ist ja fast um die Ecke.“,,Und sie?“ ,,Ich bin Erika,“ mehr wollte sie nicht verraten. ,,Ja, ich verstehe gut, dass sie vorsichtig sind. Wissen sie, seit meine Frau gestorben ist, sind mir nur noch meine zwei besten Freunde geblieben. Einer von ihnen erkrankte und wurde positiv auf das Virus getestet. Nun bin ich in häuslicher Quarantäne. Das ist wirklich sehr schlimm für mich. Besonders fehlen mir die regelmässigen Skatabende. Aber ich möchte sie nicht weiter stören, verzeihen sie bitte.“ ,,Nein, das tun sie gar nicht,“ hörte Erika sich sagen. Tatsächlich berührte sie dieses Gespräch sehr, da dieser Karl offensichtlich gerade noch einsamer und verlorener war als sie. ,,Aber trotzdem muss ich einkaufen gehen. Wenn sie möchten, können wir uns nachmittags weiter unterhalten. Meine Nummer haben sie ja,“ beendete Erika das Gespräch. ,,Das wäre sehr nett,“ kam von der anderen Seite erfreut zurück. Auf dem Weg zum nahegelegenen Supermarkt kam ihr eine Idee. Sie wollte nun genau wissen, ob die Angaben dieses offensichtlich sympatischen Mannes stimmten und schob ihren Rollator Richtung Kastanienallee. Die Nummer 5 war schnell gefunden und wirklich stand auf einem der Namensschilder K. Gruber. Sie sah die Fensterreihen entlang und fühlte sich plötzlich ertappt. Stand da nicht jemand am Fenster und schaute zu ihr hinunter?

Wenn er das nun wäre?! ,,Jetzt aber nichts wie weg hier, Erika,“ schimpfte sie sich aus. ,,Sonst kommt er noch auf die Idee, dass ich mich für ihn interessiere.“ Nachmittags blieb sie in der Nähe des Telefons. Als es schliesslich läutete, hob sie freudig erregt ab, doch es meldete sich nur irgendein Callcenter, sodass Erika ohne Worte und enttäuscht auflegte. Als sie gerade den Fernseher eingeschaltet hatte, der ihre ständige Ablenkung war, läutete es erneut. ,,Jetzt hab`ich aber genug von ihnen. Lassen sie mich gefälligst in Ruh`!“, schnaubte sie erbost in den Hörer. ,,Oh, äh, tut mir leid, da habe ich wohl heute Vormittag etwas missverstanden,“ entschuldigte sich die Stimme, welche offensichtlich Karl Gruber gehörte, traurig. Zu ihrer Überraschung errötete Erika verlegen. ,,Gut, dass er mich nicht sehen kann,“ dachte sie. ,,Nein, nein, ich muss mich entschuldigen. Das galt nicht ihnen.“ ,,Da fällt mir aber ein Stein vom Herzen! Offen gesagt, habe ich mich schon sehr auf unser Gespräch gefreut,“ gestand Karl ihr. Seine direkte Art gefiel ihr ausgesprochen gut, wie Erika sich nun eingestehen musste. Es wurde früher Abend bis sie schliesslich den Hörer auflegte. So ein intensives Gespräch hatte sie schon ewig nicht mehr geführt. Karl ging es ebenso. Er hatte von seinen Skatabenden berichtet und von seinen Freunden, die er schon viele Jahre kannte. Sie hatte aufmerksam und erfreut zugehört und ab und zu etwas von sich preisgegeben. Nicht zuviel, darauf achtete sie strikt. Er rief nun jeden Tag um dieselbe Zeit an und die Unterhaltung wurde immer inniger und interessierter. Erika hatte ihm sogar von ihrer gescheiterten Ehe erzählt und er von seiner verstorbenen Frau. ,,Wie liebevoll er von ihr spricht,“ dachte sie und beneidete ihn um seine glücklichen Erinnerungen. Für den folgenden Tag hatten sie etwas Besonderes geplant. Es war eine Verabredung der speziellen Art. Punkt 15 Uhr wollte sie vor dem Haus in der Kastanienallee sein und er wollte am Fenster stehen. So sollte im Rahmen des Erlaubten etwas Nähe hergestellt werden. Mit Mundschutz und Rollator ausgestattet machte sich Erika auf den Weg. Sie fühlte sich irgendwie beschwingt. ,,Komisches Gefühl,“ dachte sie. ,,So unwirklich. Bin ich nicht schon zu alt für sowas?“ Doch als sie ihr Ziel erreicht hatte und hochsah, stand er winkend und lachend am Fenster. Zögernd hob sie eine Hand und erwiderte den Gruß. Ihr fiel sofort sein offenes, ehrliches Gesicht auf. Seine 82 Jahre sah man ihm nicht an. Er hob eine Kaffeetasse in die Höhe und zeigte damit auf Erika. Sie wusste, was er damit sagen wollte. Die Einladung zum Kaffee war von ihm bereits telefonisch ausgesprochen worden. Und sie hatte liebend gern angenommen. Nun zeigte er mit einer Hand auf sein Gesicht und tat, als ob er etwas abstreifen würde. Sie verstand sofort und zog ihren Mundschutz herunter. Da sah er es, was ihm am Telefon so gefehlt hatte! Ihr Lächeln! Und Erika zeigte es ihm aus vollem Herzen. Nun hob sie eine Hand und zeigte ihm 3 Finger. Wissend nickte er. Ja, in drei Tagen war ihr 80. Geburtstag. Auf dem Heimweg merkte sie, dass es seit langer Zeit das erste Mal war, dass sie sich auf einen Geburtstag freute. Doch der Schatten des Virus lag trotzdem über allem. Sie würde wieder kurz unter Karls Fenster stehen und anschliessend allein ihren Geburtstagskaffee trinken müssen. An ihrem Festtag machte sie sich besonders sorgfältig zurecht und zog einen geblümten Mundschutz auf. Genau um 15 Uhr erreichte sie das Haus. Niemand erwartete sie am Fenster. ,,Er kommt sicher gleich,“ beruhigte sie sich. Doch wie gross war ihre Enttäuschung, als auch nach längerer Wartezeit kein Karl zu sehen war. ,,Oh nein,“ dachte sie ängstlich. ,,Er wird doch nicht krank daliegen oder womöglich im Krankenhaus sein?“ In ihrer Verzweiflung drückte sie mehrmals auf seine Haustürklingel. Nichts. ,,Ich muss etwas unternehmen! Vielleicht die Polizei anrufen oder im Krankenhaus oder….“ Ihre Gedanken überschlugen sich. So schnell es ihr Rollator erlaubte, machte sie sich auf denRückweg. Dabei wurden die Mundschutzblumen von Tränen durchfeuchtet.Als Erika fast zuhause war, blickte sie kurz auf und musste sich über die nassen Augen wischen, denn vor ihrer Haustür stand…..Nein, das konnte nicht sein! Trotz seines Mundschutzes erkannte sie ihn sofort: Karl! ,,Bist du verrückt geworden?!“, rief sie ihm besorgt zu. ,,Nein, aber meine Quarantäne ist vorbei. Geburtstagsüberraschung geglückt, was?!!“ Langsam ging sie auf ihn zu und blieb in angemessenem Abstand vor ihm stehen. Ihre Blicke sagten mehr, als alle Worte bisher. Am liebsten hätte er sie behutsam in die Arme genommen. Doch das musste warten. Es würde eine Zeit nach Corona geben. IHRE gemeinsame Zeit!