DIE CORONA-QUEENS von G. Goßmann

Eine Versöhnungsgeschichte

Shutdown. Mein Betriebssystem fährt herunter und all seine Funktionen werden auf null gestellt. Ich sitze in meinem Arbeitszimmer, das ich mir provisorisch für das Homeoffice eingerichtet habe, und schaue hinaus in den friedlichen, frühlingshaften Garten. An diesem Ort scheint die Luft noch rein zu sein. Wie kann es sein, dass es noch idyllische Flecke wie diese gibt, während der Rest der Welt verseucht ist? Den Blumen und Bäumen kann das Virus nichts anhaben; sie sprießen und wachsen zu ihrer vollen Pracht heran, um uns von unseren Sorgen abzulenken. Ich beschließe, ein wenig spazieren zu gehen. Aber gehe bloß nicht unter Menschen!

Gedankenverloren schlendere ich durch die leergefegte Straße in meinem Wohngebiet. Ich vermisse die bunten Zeichnungen aus Wachsmalkreide, mit der die Nachbarskinder sonst den schäbigen Asphalt an sonnigen Tagen wie diesen verschönern. Ich sollte lieber zuhause in Sicherheit sein. Doch irgendetwas fehlt. Und etwas lässt mich nicht zur Ruhe kommen, weil ich nur noch bis zur Ruhr komme. Der Fluss ist das natürliche Limit für meine Bewegungsfreiheit. Bis hier und nicht weiter! In Richtung Stadt ist es zu gefährlich. Hier lauert der unscheinbare, durchsichtige Tod auf dich. Die Viren werden sich mit ihren Kronen in deine Lunge bohren, dir die Luft zum Atmen nehmen und deinen Körper in die Knie zwingen.

Letztens noch kam mir eine Idee, die mir heute leichtsinnig vorkommt. Was gestern noch selbstverständlich war, ist morgen schon illegal. Bei dem schönen Wetter an der Ruhr picknicken, das wollte ich schon seit Langem mal wieder machen. Ich rief per Facetime meinen Freund an und schlug ihm das Picknick vor. Darauf sah er mich entgeistert an und erwiderte anklagend: „Willst du uns hinter Gitter bringen?“ Resigniert brachte ich die Picknickdecke wieder in den Keller. Bis nächstes Jahr. Du kannst dein Leben nicht mehr weiterführen wie bisher. Du musst dich anpassen und an das Wohl der anderen denken. Und wenn der Staat dir plötzlich verbietet zum Friseur zu gehen, auszugehen, zu feiern, dann lass deine Partyoutfits gefälligst im Schrank!

Ein Mann mit Mundschutz kommt mir im Schlosspark entgegen. Als sich unsere Blicke gerade kreuzen und ich zu einem Lächeln ansetze, erblickt er meinen mundschutzlosen Mund und springt unerwartet auf eine Parkbank drei Meter abseits von mir. Verunsichert wende ich meinen Blick von ihm ab, etwas beschämt und schuldbewusst, aber auf eine Art auch verletzt von dieser Reaktion, und mache mich auf den Rückweg.

Als ich wieder zuhause ankomme (Moment, zu allererst: Händewaschen. Ganz, ganz wichtig! Der Tod sitzt in deinen Handflächen), schalte ich wie gewohnt das Radio an, doch kaum ertönt die monotone Hiobs-Stimme des Moderators, ziehe ich direkt wieder den Stecker. Die Angst ist zu groß, dass gleich wieder die Nachrichten kommen, es ist nämlich schon kurz vor 15:00 Uhr. Ich lege mich auf die Couch und mache nichts. Gar nichts.

So viele Dinge schwirren mir durch den Kopf, wie die Viren in meinen wirren Träumen. Das Gute an der Kontaktsperre ist: Seit langer Zeit komme ich endlich mal wieder zum Nachdenken. Über mich. Über mein Leben. Über andere. Und über meine gute Freundin, mit der ich mich aus unerklärlichen Gründen vor ein paar Jahren zerstritten habe. Seitdem hatten wir keinen Kontakt mehr. Wenn ich doch nur wüsste, was ich falsch gemacht habe, ich mich mit ihr aussprechen könnte! Wenn … Wenn das Wörtchen „Wenn“ nicht wär‘, würde die Welt sich noch weiterdrehen.

Heute ist der perfekte Tag, um mit dem Ausfüllen meines neuen Bullet-Journals zu beginnen, das ich mir in einer Zeit zugelegt habe, in der ich dachte, ich käme erst wieder zum Schreiben, wenn ich Rentnerin bin. Ich schlage es auf, blättere darin herum und beginne zu schreiben. Einfach so, am helllichten Tag. In ihm notiere ich meine wichtigsten Ziele, Wünsche und Träume. In einem Ratgeber habe ich mal gelesen: „Nimm dir am Tag fünf Minuten Zeit für dich selbst.“ Fünf Minuten von 1440! Indem ich schreibe, werde ich wieder frei. Meine Kreativität geht viral durch all meine durch Stress verstopften Poren und dringt aus ihnen heraus in die Freiheit. Langsam fange ich an, meine verwischten Konturen mit einem feinen Handlettering-Stift nachzuzeichnen. Ich beginne, wieder ich selbst zu werden.

Da hatte ich sie plötzlich vor Augen, diese legendäre Party mit ihr in der precoronalen Ära, die ich nie vergessen werde. Wir tanzten und lachten unbeschwert durch die Nacht. Unsere Twerking-Moves verbanden uns zu einer untrennbaren Einheit, die kein Virus der Welt hätte trennen können. Mit ihr fühlte es sich so an, als würde uns die Welt gehören. Okay, oder zumindest der Pott. Wir waren zwei Prinzessinnen in unserem selbsterschaffenen Königreich, mit Kronen aus Papier auf unseren Köpfen. Wir trugen sie stolz zum Zeichen unserer Freundschaft. Wir hielten nicht Corona, sondern Kronen und Fiege in unseren Händen und prosteten uns zu auf unsere unbeschwerte Studienzeit. Jetzt hingegen werden wir vom Virus beherrscht, es hat uns fest in der Hand.

Ich hätte mich öfter bei ihr melden können und ihr das Gefühl geben müssen, für sie da zu sein. Stattdessen war ich nur mit meiner Arbeit beschäftigt, tagein tagaus. Meine persönliche Krise stand im Mittelpunkt, doch jetzt, wo eine allumfassende Not, die Königin unter den Krisen, die meinige überlagert, scheinen alle Probleme, die ich vor mir hergeschleppt habe wie einen Monatsvorrat an Toilettenpapier, nichtig.

Ich halte es nicht mehr aus, ich schreibe ihr. Aber was? Ich öffne eine neue Notiz und tippe: „Hallo Sina, wie geht es dir?“ So ein Quatsch! Wie soll es ihr schon gehen in der jetzigen Situation? Also noch mal anders: „Hey, was machst du so?“ Na was soll sie wohl machen? Noch ein neuer Versuch: „Liebe Sina, ich habe in der vergangenen Zeit oft an dich gedacht …“ Ja, das klingt nach einem guten Anfang.

Nachdem ich die Nachricht fertiggestellt habe, speichere ich sie erleichtert ab und gehe schlafen. Morgen schicke ich sie ab, ganz bestimmt. Doch in der Nacht quälen mich wie sooft Gedanken von pausbäckigen, gierigen Hamstern, die mir alles nehmen wollen. Dann träume ich wieder von uns beiden. Wir sitzen in einer rosafarbenen Stretch-Limousine und werden vom Fahrer, der einen Sicherheitsabstand von fünf Metern zu uns wahrt, durch die leeren Straßen kutschiert. Wir finden immer einen Weg zur Party. Der Weg ist das Ziel. Wir drehen den Beat auf und lassen Corona mal für zwei Stunden Corona sein. Wir feiern unsere Versöhnung – gemeinsam gegen Corona. Als ich mir unsere Gesichter genauer ansehe, erschrecke ich. Ich bin es nicht, die neben meiner Freundin sitzt, es ist eine andere! Schweißperlen bilden sich auf meiner Stirn und panisch bleibe ich in der Szene gefangen. Ich muss feststellen: Ich wurde ersetzt. Es ist zu spät.

Als ich von diesem Albtraum aufwache, suche ich auf dem Smartphone nach meiner Nachricht. Sie ist noch da, die Hamster haben sie zum Glück nicht gebunkert. Ich beruhige mich mit dem Gedanken, dass alles nur ein Traum war und es vielleicht doch noch nicht zu spät für eine Aussprache ist.

Mit zittrigen Händen öffne ich WhatsApp und kopiere die vorgefertigte Nachricht in das Textfeld. Ich will gerade auf „Senden“ drücken, da sehe ich, wie sie schreibt. Schreibt. Schreibt. Was schreibt sie bloß? Nach so langer Zeit … Plöpp, eine neue Nachricht von ihr. Nervös fliegen meine Augen über das Display. Meine Wangen benetzen sich mit Tränen, als ich die Worte lese: „Ich vermisse dich.“

Ich schreibe diese Geschichte heute schwarz auf weiß, verewige sie als historische Quelle für die Zukunft, als Erinnerung an unsere wiedergefundene Freundschaft. In den Geschichtsbüchern von 2040 wird stehen: „Die Corona-Krise 2020 – wie sie die Welt für immer verändert hat.“ Die Auswirkungen des Virus mögen verheerend sein, doch eines kann es nicht zerstören: unsere Freundschaft.