DIE SCHATTEN IM WALD von N. Gerling

Der Mensch ist ein wundersames Geschöpf. Er schmückt sich mit Titeln und Preisen, um sein Wissen hervorzuheben, dabei ist sein Denken nur auf sich selbst fokussiert. Sein wichtigstes Gut ist die Freiheit, und doch kann er seine Ketten nicht abschütteln. Es gibt sogar nur wenige, die sich überhaupt ihrer Ketten bewusst sind, meist erst kurz vor ihrem Tod. Vor kurzem erst habe ich mich aufgebäumt und gegen die Ketten geworfen, und in kurzer Zeit werden sie kommen und mich exekutieren. Deswegen werde ich im kurzen Rest meines Lebens meine Erkenntnisse festhalten; damit mehr Menschen die Wahrheiten in den Schatten erkennen.

Meine Geschichte beginnt, als die Menschheit in all ihrer selbst geschaffenen Weisheit dachte, eine weitere Krise überstanden zu haben. In den vergangenen Monaten hatte das neuartige Coronavirus die Welt paralysiert. Viele Menschen waren gestorben und die Vorkehrungen, die zum Schutz der Gesunden getroffen wurden, betrafen jeden Einzelnen. Doch nach langem Kampf meldete die WHO zur Erleichterung aller, dass der letzte Erkrankte als geheilt aus dem Krankenhaus entlassen wurde. Die Welt konnte endlich aufatmen. Fast eine Woche lang – dann wurde aus den USA ein neuer Fall gemeldet. Man wähnte sich besser vorbereitet und riegelte das kleine Städtchen, in dem die Erkrankung gemeldet wurde, vollständig ab. Glücklicherweise hatte sich Patient Null, Harold Prams, in letzter Zeit nur in der Stadt aufgehalten, und man hoffte, dass man der Ausbreitung des Virus so entgegenwirken könnte. Einzig qualifizierten Ärzten und der Presse war unter strengen Auflagen erlaubt, die Stadt zu betreten. Ich wurde als einziger Journalist aus Deutschland in die Stadt gelassen, um ein Interview mit Prams führen zu können. Für mich war es eine gute Möglichkeit, mich für eine schon lange ersehnte Beförderung zu empfehlen, deswegen nahm ich den Job trotz des Erkrankungsrisikos sofort an.

Das Interview verlief zunächst so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Ich hatte bereits vorher einen der behandelnden Ärzte zu Prams’ Gesundheitszustand gesprochen, also fokussierte ich mich in der limitierten Zeit, die ich hatte, auf seine Gefühle. Er wirkte fahrig, blickte sich immer wieder in alle Richtungen um und schien geistig nicht ganz bei der Sache zu sein, doch ich schob alles auf seine Erkrankung. Jeder würde in seiner Situation nervös sein. Der Zustand des Mannes war zwar stabil genug, um interviewt zu werden, aber laut den Ärzten war das Virus diesmal deutlich aggressiver. Trotzdem kämpfte er sich erfolgreich durch das Interview, bis ich schließlich auf den Ursprung seiner Erkrankung zu sprechen kam. Plötzlich schien sich Prams’ Nervosität so stark zu erhöhen, dass ich Angst hatte, er würde gleich eine Panikattacke bekommen. Dann fasste er sich plötzlich wieder und wies sofort alle Ärzte an, den Raum zu verlassen. Nachdem sie gegangen waren, erzählte er mir, so leise geflüstert, dass ich es kaum verstehen konnte, dass er nach der offiziellen Entwarnung einen Spaziergang in einem nahen Naturschutzgebiet außerhalb der Stadt unternommen hatte. Irgendwann hätte er sich verlaufen und wäre immer tiefer in ein kleines Wäldchen gelaufen, bis er schließlich ohnmächtig geworden sei. Aufgewacht sei er wieder am Eingang des Wäldchens. Er habe es aus Angst, für verrückt erklärt zu werden, niemandem erzählt. Er bat mich noch, diese Geschichte nicht weiterzuerzählen und auf keinen Fall in die Zeitung zu drucken, bevor er die Ärzte wieder ins Zimmer rief und das Interview beendete.

Meine Neugier war geweckt. Wenn ich neben einem guten Interview noch die Auflösung eines Mysteriums vorzeigen konnte, wäre mir die Beförderung wirklich gewiss gewesen. Meine erste Anlaufstelle war daher das Stadtarchiv, um die Geschichte des Waldstücks herauszufinden. Glücklicherweise waren alle Dokumente digitalisiert worden, sodass ich trotz der Abriegelung der Gebäude Zugriff auf die gewünschten Informationen hatte. Zwischen einigen lokalen Zeitungsartikeln fiel mir dabei die Kopie eines alten Schriftstücks in die Hände, das kurz nach der Gründung der ersten Siedlung in der Nähe angefertigt wurde. Es beschrieb den Wald als magischen Ort, der unbedingt zu meiden sei. Dort würden Feen wohnen, denen bereits mehrere Dorfbewohner zum Opfer gefallen seien. Nur wenige wären je wieder zurückgekehrt, völlig wahnsinnig und nicht fähig, ihre Erlebnisse zu schildern. Nachdem ich dieses Dokument gelesen hatte, brach ich die Recherche direkt ab. Ich hatte ein genaues Bild von dem, was hier passiert war: Ein kranker Mann, der sich Galgenhumor auf die Kosten des naiven Journalisten erlaubt. Doch als ich voller Wut wieder bei dessen Haus ankam, hatten sich zu den Ärzten auch einige Polizisten gesellt: Harold Prams war verschwunden.

Man befragte mich fast sofort, als ich beim Haus ankam. Schließlich war ich einer der letzten, der ihn zuletzt gesehen hatte. Ich konnte den Polizisten erst durch einen Anruf beim Hotel davon überzeugen, dass ich nichts mit dem Verschwinden zu tun hatte. Ich wollte dringend mehr erfahren, doch viel konnte ich nicht von den Beamten erfahren. Die einzige Erkenntnis war, dass Prams für eine kurze Zeit allein war, in der weder die Ärzte noch ein Pressemitglied bei ihm waren. Als ein Arzt nach ihm sehen wollte, war er spurlos verschwunden. Keine Einbruchsspuren, keine Anzeichen von gewaltsamem Widerstand. Ich brach das Versprechen, was ich dem Mann noch vor wenigen Stunden gegeben hatte, und erzählte den Polizisten von Prams’ Erlebnissen in dem Wäldchen. Doch ein ebenfalls anwesender Arzt gab direkt Entwarnung: Prams hatte bei einer Untersuchung keine Anzeichen einer Gewalteinwirkung oder eines Schwächeanfalls gehabt. Für die Polizisten war dieser Hinweis damit abgeschlossen – für sie hatte Prams nur einen lebhaften Traum gehabt. Doch ich war nicht so einfach zu überzeugen. Für einen simplen Traum – und sei er noch so lebhaft gewesen – war er viel zu panisch gewesen. Langsam begann sich das Puzzle zusammenzusetzen, auch wenn ich immer noch eher an einen menschlichen Täter als an Feen glaubte. Ich entschuldigte mich und fuhr direkt in Richtung Naturschutzgebiet. Vielleicht konnte ich einem Mann das Leben retten, der gerade jetzt medizinischen Beistand sehr nötig hatte.

Als ich am Eingang des Wäldchens ankam, war es bereits früher Abend und merklich kühler geworden. Langsam senkte sich die Sonne, doch trotz der hübschen Herbstfarben der Blätter und dem Farbenspiel am Himmel konnte ich den Anblick, der sich mir bot, nicht wirklich genießen. Die ganze Szenerie hatte einen unheimlichen Unterton. Vielleicht lag es an den Schatten, die immer länger wurden, oder an der Einsamkeit. Auf dem Weg hierhin hatte ich ab und zu noch jemanden getroffen, der hier spazieren ging, doch diese Begegnungen wurden immer seltener, sodass mittlerweile Totenstille herrschte. Langsam folgte ich dem engen Pfad in den Wald und versuchte dabei, trotz des mit Laub bedeckten Bodens möglichst wenig Geräusche zu machen. Durch die immer noch recht üppig belaubten Blattkronen fiel nur wenig Licht, sodass sich die Orientierung als schwierig erwies, zumal der Fußweg immer mehr zum Trampelpfad wurde. Von Zeit zu Zeit hielt ich plötzlich inne, wenn wieder irgendwo im Wald Äste knackten oder Laub raschelte. Doch erst, als ich eine Weile unterwegs war und sich meine Augen langsam an die Dunkelheit gewöhnten, sah ich in der Ferne einen schwachen Lichtschein, ähnlich dem einer Laterne. Während ich langsam in Richtung des Scheins schlich, begann ich, leise, fremdartige Geräusche zu hören. Sie klangen dem Zischen von Schlangen sehr ähnlich, doch auf eine Art verzerrt, die mir kalte Schauer den Rücken hinunterschickten. Schließlich trennte mich nur eine dichte Reihe Gestrüpp von dem Lichtschein und die Geräusche waren mittlerweile so laut, dass sie alle anderen Klänge aus dem Wald komplett ausblendeten. Als ich vorsichtig hinter einem Baum hervorsah, bot sich mir ein Anblick, der unauslöschlich in mein Gedächtnis eingebrannt ist. Auf einem grob behauenen Steinaltar lag der vermisste Harold Prams. Er war komplett entkleidet worden und sein Hals war mit einem präzisen Schnitt durchtrennt worden. Neben dem Altar standen zwei menschenartige Kreaturen, die bis auf einige Lederstücke völlig unbekleidet waren. Sie waren am ganzen Körper mit engen Schuppen bedeckt und hatten lange, schwanzartige Körpervorsätze, die sich auf dem Waldboden hin und her wanden. Beide hatten die Hände zum Himmel erhoben und sangen mit den schrecklichen Geräuschen, die ich schon zuvor hören konnte. Völlig überwältigt von dem Bild vor mir ließ ich sofort den Baum los und stolperte unwillkürlich einige Schritte rückwärts. Abrupt hörte der abartige Gesang der Wesen auf. Das letzte, was ich sah, waren zwei kalte, hasserfüllte Augenpaare, dann drehte ich mich um und rannte, so schnell ich konnte.

Wie ich es in meiner Panik aus dem Wald in mein Auto schaffte, ohne von den Kreaturen gefangen zu werden, weiß ich immer noch nicht. Ich brach meinen Aufenthalt in Amerika sofort ab und flog wieder nach Hause, wo ich mich sofort über alle Sagen und Mythen zu menschlichen Schlangenwesen informierte. Fast übereinstimmend sprachen alle Erzählungen vom Schlangenvolk, was schon deutlich länger als die Menschen auf der Erde lebt, aber schließlich von diesen unter die Erde gezwungen wurde und nur noch selten an allen möglichen Orten nach oben kommt, um grausame Rituale abzuhalten und zu versuchen, die Menschheit auszurotten. Ihr Plan scheint aufzugehen: Nach aktuellen Nachrichten ist der zweite Ausbruch von Corona nicht zu stoppen. Ich habe versucht, andere von meiner Erfahrung zu überzeugen, aber keiner will mir Glauben schenken. Ich sehe sie schon überall in den Schatten lauern. Es wird nicht mehr lange dauern, dann bin ich auch verschwunden. Und die Ära des Menschen könnte schon sehr bald enden.