DREI PLANKEN UND DER KULTURPREIS 10.0 von F. Eumen

Aus dem Smartphone ertönte es leise „Pling“. Kai gähnte und wusste, es war 0.30 Uhr und damit war die Session für heute beendet. Seit einem Monat hatte er sich eine zeitliche Deadline für seine nächtlichen Recherchen nach neuen ruhrdeutschen Wortkreationen gesetzt. Nur so war es möglich, morgens ausreichend ausgeschlafen, den Weg zur Uni in Dortmund zu finden und einigermaßen im Informatikstudium mitzuhalten.

Nach dem Zähneputzen stellte er sich den Wecker auf 6.30 Uhr und wollte sich gerade in seine bevorzugte Einschlafposition einigeln, da machte es wieder „Pling“. Im Halbschlaf griff er noch einmal zum Smartphone. Im Chat der „3 Planken“ auf der Howi-App gab es eine neue Nachricht: #050 Künstleralternative im Kabüffken#. Welcher nächtliche Scherzkeks trieb denn da sein Unwesen in ihrem Chat? Kora und Kalle waren nicht mehr online. Alle drei hatten sich diesen Chatroom auf der Howi-App eingerichtet und sich in Erinnerung an ihre Ferien auf Ameland die Bezeichnung der Inselflagge als Gruppennamen gegeben mit dem Dauerstatus: „Zusammenhalten ever – auch bei schwerer See“. Kai war zu müde, um weiter auf die seltsame Nachricht einzugehen. Vielleicht würde ja den beiden anderen Frühaufstehern dazu morgen etwas einfallen?

Kora musste als Mitarbeiterin in der Gemeindeverwaltung schon früh raus. Deshalb bemerkte sie am nächsten Morgen als erste die rätselhafte Nachricht. Vielleicht lag das an der neuen Version 10.0 der Howi-App? Rechtzeitig vor dem diesjährigen großen Jubiläum, war die App zu Beginn des Jahres 2030 upgedatet und mit umfangreichen Zusatzfunktionen für den kommenden Wettbewerb „Kulturpreis 10.0“ ausgestattet worden. 2030 sollte es einen besonderen Preis zum zehnjähren Gedenken an die Coronakrise und die vielen Neuanfänge geben, die auch in der Gemeinde Holzwickede den Alltag verändert hatten. Die App war 2020 von dem Informatik-Kurs des Clara-Schuhmann-Gymnasiums während des Lockdowns entstanden. Sie sollte damals alle laufenden Projekte in der Gemeinde Holzwickede vernetzen unter dem Motto „Eine App für alle“. Nach nunmehr zehn Jahren machten fast 95 % der Bürgerinnen und Bürger von Holzwickede regen Gebrauch davon. Mittlerweile war auch der direkte Kontakt mit der öffentlichen Verwaltung, dem Bürgermeisteramt, den politischen Gremien oder dem neu eingerichteten Sachverständigen- und Kulturrat in Echtzeit möglich. Öffentliche Themen konnten so auf breiter Basis projektbezogen und transparent diskutiert werden. Vor allem durch die optionale Freischaltung einzelner Chats, z.B. von Vereinen, wurden Mitmachprojekte öffentlich gemacht und darüber hinaus mögliche Kooperationen durch die KI der App automatisch angezeigt.

Auch Kalle, der dritte im Bunde der „3 Planken“, hatte an diesem Morgen die neuen Messages gesichtet und die seltsame Info achselzuckend weggewischt. Interessant war dagegen die Nachricht des Howi-Städteclubs als einer der Favoriten für den Kulturpreis 10.0. Sie hatten einen Trailer für ihr Projekt „Marktplatzspiele ohne Grenzen“ online gestellt. Zu diesem vereinsübergreifenden Club gehörte mittlerweile auch die Gemeinde Cologne in der Provinz Lodi, mit der aufgrund der Coronakrise eine weitere Städtepartnerschaft eingegangen worden war.

Flankiert wurde dieser kulturelle Boom auch durch den mutigen Schritt der damaligen Bundesregierung nach der Beendigung der Krise an einem „Timeout“ im April jeden Jahres unter Einschluss der Osterferien festzuhalten. Es gab zwar kein allgemeines Kontaktverbot mehr, allerdings wurde das Reisen durch eine begrenzte PKW-Nutzung deutlich eingeschränkt. Das kam dem ÖPNV, dem Fahrradfahren und damit der Gesundheit sowie den Klimazielen, aber vor allem den zwischenmenschlichen Aktivitäten innerhalb und außerhalb der Familien zugute.

Auch die „3 Planken“ wollten als Besonderheit mit ruhrdeutschen Sätzen im Palindromformat an dem Wettbewerb teilnehmen. Als Palindrom werden Wörter oder Sätze bezeichnet, die rückwärts gelesen denselben oder einen anderen Sinn ergeben, z.B. das Wort Ette. Sätze waren da schon schwieriger. Ihre ultimative Vision war aber eine ganze Geschichte im Palindromformat. Sie hatten sich durch ihre umfangreiche Datenbank zum Regiolekt „Ruhrdeutsch“ mit unzähligen Begriffen wie Ömmes, Döneken und Heiopei inzwischen einen bundesweit bekannten Namen gemacht; aber eine konkrete Kreation für den Wettbewerb hatten sie bislang noch nicht.

Daher hatte auch der Begriff „Kabüffken“ in der seltsamen Nachricht schon einen gewissen Bezug zu ihrer Gruppe und war ihnen wohl auch deshalb von der KI der App zugeleitet worden. Kalle wollte sich dazu heute Vormittag in der Gemeindebibliothek einmal schlau machen, in der er gerade sein FSJ absolvierte. Ein kurzer Blick auf die App informierte ihn, dass er den autonom fahrenden Bürgerbus in 5 Minuten an der Haltestelle Mühlenstraße noch gut erreichen konnte.

Kalle hatte Glück, denn um 10 Uhr gab es eine Besprechung der Bibliotheksbediensteten mit dem Deutschlehrer Herrn Waal von der Josef Reding Schule, um den nächsten Bookslam der Klasse 8b vorzubereiten. Auch dieses Projekt wurde durch die intelligente Vermittlung der Howi-App schulübergreifend unterstützt. Kalle nutzte im Anschluss an die Besprechung die erstbeste Gelegenheit und zeigte den anderen die merkwürdige Nachricht.

Die Mitarbeiterin der Bibliothek hatte spontan eine Vermutung zu der Ziffernfolge 050 und gab die Daten im Suchfeld „Medienkennzeichen“ in das Recherchesystem der Bibliothek ein. Alle schauten sich sofort die Trefferliste an. „Halt!“, rief Herr Waal und deutet aufgeregt auf den Eintrag „Die Deutschstunde – Verfasser Siegfried Lenz“. „Die Story hat etwas mit einem Künstler zu tun und passt daher ganz gut zu dem Künstlerhinweis in der Nachricht“, ergänzte er. „Die Geschichte bezieht sich doch auf einen Maler und sein Malverbot während der NS-Zeit. Der entwickelte dann auf findige Weise Alternativen, um das Malverbot zu umgehen“, meinte nachdenklich die Leiterin der Bibliothek. „Also könnte die Message ein Hinweis auf dieses Buch sein!“, folgerte Kalle.

Gesagt, getan rannte er zu dem entsprechenden Regal, fand das Buch und schlug es auf. Sofort viel ein kleiner Zettel mit einem QR-Code heraus. Das wurde ja immer spannender. Mit der Howi-App, die auch über einen entsprechenden QR-Scanner verfügte, las er einen Link auf eine Website aus und öffnete diesen gleich mit seinem Browser. Dann kam die Ernüchterung in Form einer Anmeldemaske: Ihren Nutzernamen bitte! „Wie jetzt?“, fragte Kalle enttäuscht. Auch die anderen wirkten etwas verloren. Herr Waal gab ihm dann den freundschaftlichen Rat, vielleicht einmal seine Freunde zu befragen oder eine Anfrage per Howi-App an den Sachverständigenrat in Holzwickede zu senden, in dem auch ein IT-Experte vertreten sei.

Am Nachmittag kamen die „3 Planken“ zu einer Krisensitzung zusammen. Was waren die Fakten? Warum war ihnen der Hinweis zugespielt worden? Wer war mit dem Nutzerkennwort gemeint? „Also wenn wir bewusst die Adressaten für diese Nachricht sind, dann sind wir doch auch die Nutzer oder?“, meinte Kora nach einigen Überlegungen. Nach einigen Versuchen die „3 Planken“ in verschiedenen Schreibweise mit und ohne Unterstrich einzugeben, waren sie plötzlich im System.

Dort öffneten sie eine virtuelle Geschenkbox. Sofort erschien ein Setup-Datei zum Downloaden mit der Bezeichnung „Ruhrdeutschstories-Palindromkreator“. Die Pulsfrequenz stieg bei allen dreien sprunghaft an. Wenn es das sein sollte, wonach es aussah, dann hatten sie den Jackpot geknackt. „Stopp!“, rief Kai bevor Kalle gerade die Datei runterladen wollte, „Warte – da, schaut euch mal den URL an!“ „Das ist ja interessant!“, meinte Kora und ergänzte, „Das sieht ja schwer nach einer Website von „Urlaubsfindus“ aus oder?“. Die anderen nickten zustimmend. Sollte das Programm von dieser Firma stammen? „Gut möglich“, meinte Kai, „denn im Rahmen der Coronakrise, hatten sich doch alle Unternehmen, die Unterstützungsgelder erhalten hatten, bereit erklärt, jährlich das ein oder andere kulturelle Projekt zu unterstützen. Es scheint, als ob wir dieses Jahr dran wären!“.

Nach einem solchen Algorithmus, der ganze Geschichten in Form eines Palindroms und dazu noch in Ruhrdeutsch generierte, hatten sie schon lange gesucht. Schnell hatte Kalle das Programm installiert und mit ihrer umfangreichen Datenbank verknüpft. Dann wurde es spannend, als er den Startbutton auslöste. „Oh nein!“, riefen alle gleichzeitig als sie die vermeintliche Rechnerlaufzeit von 24 Stunden sahen. Es blieb ihnen nichts anderes übrig, als sich für den nächsten Nachmittag zu verabreden und den Rechner bis dahin seine Arbeit erledigen zu lassen.
Doch das Warten hatte sich gelohnt. Am nächsten Tag fanden sie im Downloadbereich eine Kurzgeschichte mit 10.000 Zeichen in ruhrdeutsch und im Palindromformat. „Wow, das ist ja der Hammer!“, jubelte Kora. Schnell erkannten sie ihre Chance, doch noch mit einem attraktivem Projekt an dem Kulturwettbewerb teilzunehmen. Sie hatten zwar nicht den Algorithmus erfunden, aber ohne ihre umfangreiche Sammlung an Begriffen, wäre auch das Programm nutzlos gewesen. Die Geschichte wurde schnell mit der Howi-App auf die Antragsliste des Kulturrates upgeloadet und nun hieß es abwarten.

Am 1. Mai 2030 wurden dann tatsächlich die „3 Planken“ als Gewinner des diesjährigen Wettbewerbs „Kulturpreis 10.0“, auf dem Marktplatz in Holzwickede, durch den neuen Sportdirektor des BVB, Marco Reus, mit drei Jahreskarten für die Heimspiele der Saison 30/31 unter frenetischem Jubel der zahlreichen Besucher geehrt.