FAILED GAME von H. Gerling

Für den Ausnahmefall einer weltweiten Katastrophe hat die deutsche Regierung bereits vor Jahrzehnten ein beinahe fehlerfreies Sicherheitssystem erfunden, um die menschliche Spezies zu retten. Im Falle einer Pandemie hieß dies: komplette Verriegelung der Gebäude. Niemand kommt rein, niemand kommt raus. Dieser Einfall könnte heutzutage viele Leben retten, denn schon vor mehreren Monaten hatte sich von China ausgehend der Coronavirus auf der ganzen Welt ausgebreitet, welcher wiederum die Krankheit Covid-19 auslöst. Die Symptome gleichen der einer Lungenentzündung oder Grippe, weshalb sich die Menschheit zu Beginn bedenkenlos und leichtsinnig darüber lustig machte. Aber es war nicht die Krankheit oder der Virus selbst gewesen. Es war einzig und allein der Mangel an Impfstoffen und Medikamenten gewesen, der bereits jetzt viele Todesopfer gefordert hatte.

Der Coronavirus. Ja, dieses Thema brachte momentan die ganze Welt in Aufruhe. So auch Lacey Norman. Die 36-Jährige und ihr Ehemann Aiden Norman lebten mit ihren Kindern, Hailey und Noah, in einem geräumigen Einfamilienhaus am Rande von Niederzier, einem Ort in Nordrhein-Westfalen.
An einem wolkenlosen Dienstag klingte es an der Tür. Lacey runzelte verwundert die Stirn. Sie erwartete weder Besuch noch hatte sie sich beim Onlineshopping verausgabt. Ihr fiel beinahe die Kinnlade herunter, als sie ihre Nachbarn, die kinderlosen McClarens, erblickte. Mit ihnen hatte ihre Familie nie wirklich Kontakt gehalten, obwohl sie seit mehreren Monaten Nachbarn waren. ,,Wir wollten uns einmal so richtig mit dir und Aiden unterhalten. Seit unserem Einzug sind wir ja gar nicht dazu gekommen“, fing Helen verschwörerisch an und schenkte Lacey ein so breites Lächeln, dass man beinahe ihr Zahnfleisch sehen konnte. ,,Wir stören doch nicht etwa, oder?“, ergänzte ihr Mann. ,,Nicht doch“, bemühte sich Lacey um ihre Freundlichkeit und Selbstsicherheit. Sie hatte mit allem gerechnet, allerdings nicht damit, dass ihre Nachbarn in dieser Zeit alles für einen Witz hielten und doch ernsthaft auf ein Pläuschchen reinkommen wollte. Auf der anderen Seite wollte sie sie nicht vergraulen. Also bat sie das Ehepaar herein. Daraufhin holte sie Kekse aus dem Regal. Nach belangenlosen Themen hörte Lacey auch schon das Radio, welches die langersehnte Pressemittelung ausstrahlte. Dankbar nutze Lacey diese Gelegenheit, um das Gespräch zu unterbrechen. Zwar war die Unterhaltung von beinahe übertriebener Freundlichkeit und gruseliger Harmonie geprägt, aber dennoch hatte Lacey ein ungutes Gefühl. Beide schenkten ihr ein Lächeln, was ihre Augen jedoch nicht erreichte. ,,Aufgrund der aktuellen Lage und der stark zunehmenden Ausbreitung des Virus müssen wir unsere Maßnahmen erhöhen und stärker zusammenhalten, als jemals zuvor. In anderthalb Stunden werden wir den Schalter umlegen.“

,,Wie wir es alle schon erwartet haben. So leid es mir auch tut, aber ich fürchte, ihr müsst gehen“, ließ sich Lacey vorsichtig vernehmen, nicht im Bilde darüber, ob ihre neuen ,,Freunde“ die Lage tatsächlich ernst nehmen und endlich gehen würden. ,, Aber das ist doch kein Problem“, kam gleichzeitig von beiden als Antwort. ,, Wir finden schon hinaus“, sprach Jordan weiter und wandte sich mit seiner Frau dem Gehen zu. Daraufhin stieß Lacey erleichtert die Luft aus. ,, Ich bin in letzter Zeit bestimmt nur etwas empfindlich und sehe wegen dem Virus schon Dinge, die nicht da sind“, versank Lacey halb lachend, halb besorgt um sich selbst in Gedanken und bemerkte so nicht, dass sich die Haustür erneut öffnete. Es war Aiden.

Kurze Zeit später ertönte ein lauter Countdown, der das Einschalten des Systems bekannt gab. Wenige Sekunden nachdem die Eins verklungen war, waren die Absicherungen zu hören. Doch das eigenartige Gefühl wollte nicht verschwinden. Um sich abzulenken, legte sich Lacey mit einem ihrer Krimis auf das moderne Ehebett und schlug die ersten Seiten auf. Im Alltag kam sie neben der Arbeit, dem Haushalt, ihrer Ehe und den Kindern oft nicht zum Lesen. Allerdings hatte Lacey auch einen Fable für Kriminalgeschichten in jeglicher Form. Sie sah die Geschichte während des Lesens bildlich vor sich und fühlte sich in jeden Charakter rein. Sie wurden fast zu ihrer Eigen, was einem etwas Angst einjagen konnte. Doch auf einmal nahm sie entfernt einen Schlag war. Es musste von der offenen Garderobe im Flur kommen, wo sie es in sekundenschnelle verortet hatte. Ihr Mann konnte es nicht sein. Aber wer war es dann? Noah würde ebenfalls keinen Sinn ergeben. In totaler Alarmbereitschaft ging Lacey so langsam und geräuschlos wie nur eben möglich zur Treppe. Jeder einzelne ihrer Sinne war bis aufs Äußerste geschärft, jeder Zeit dazu bereit, um sich zu schlagen. Sie lugte über das Geländer, konnte jedoch in der Dunkelheit unten nichts erkennen. Lacey streckte ihre Hand nach dem lebensrettenden Lichtschalter aus. Das leichte Zittern, welches von dieser ausging, gefiel ihr dabei ganz und gar nicht.

Plötzlich spürte Lacey es. Damit war allerdings nicht das Aufflammen der Deckenlampe oder das weiche Bett gemeint, nein. Lacey spürte den dünnen Lauf einer Pistole, der an ihren Kopf gehalten wurde. Sie erstarrte in ihrer Bewegung. Wie in Zeitlupe kroch Todesangst ihre Beine hinauf und sie musste sich zusammenreißen, nicht direkt in Tränen auszubrechen. Schon in diesem Moment schoss ihr in sekundenschnelle alles Mögliche durch den Kopf. Mit einer zentralen und harten Erkenntnis. Sie kann jede Sekunde sterben. Ihr ganzer Körper begann zu zittern und Lacey fühlte förmlich, wie die Kraft in ihren Beinen nachließ. Ihr Gegenüber schien dies auch zu bemerken, denn ein Grinsen schlich sich auf dessen Gesicht. Bedrohlich leise fing der Mann an, zu reden: ,,Also, Lacey Norman. Ich könnte jetzt mit dir diese Treppe hoch gehen. Dort befinden sich doch die Schlafzimmer deiner Kinder, oder? Ich kann ihnen beiden nacheinander mit Gefühl ein Messer in jedes Körperteil stechen. Aber langsam und bei jedem Schrei geht es etwas tiefer. Denn ich weiß noch nicht, was dann schneller geht: Verbluten oder ein einfacher Stich durch das Herz. Was denkst du? Das Herz kommt immer zum Schluss. Dein Mann wird anders umkommen, genauso wie du am Schluss. Aber wir können auch ein kleines Spiel spielen. Du bekommst sogar noch fünf Minuten Vorsprung und darfst dich überall verstecken oder auch deine Familie warnen. Vergiss allerdings nie: Ich werde dich finden, egal wo und dann hast du verloren.“ Das psychotische Lachen des Unbekannten verklang noch Sekunden nach seinen Worten. Hätte Lacey es nicht besser gewusst, würde sie sagen, dass sie gerade einen viel zu lebhaften Krimi liest. Wie durch Watte erreichen die Sätze ihre Wahrnehmung. Nun laufen ihr doch Tränen über das Gesicht, da sie realisiert, dass nicht nur sie die Nacht nicht überleben würde. Und dieser geisteskranke Typ hielt all dies auch noch für ein Schauspiel zu seiner Belustigung. Inständig hoffte Lacey, gleich aufzuwachen, doch gleichzeitig war sie sich durchaus bewusst, dass das nie geschehen kann. Durch die Stimme konnte sie den Gestörten vor ihr jetzt aber identifizieren. Es war vollen Ernstes ihr Nachbar Jordan. Er war zwar nervig und teils auch aufdringlich, aber immer freundlich und von allem begeistert. Zumindest den aufdringlichen Teil konnte man nun erklären. Er musste sie seit dem Moment des Einzugs als Opfer für sein nächstes Spiel ausgesucht haben. Lacey schüttelte sich bei ihrem Gedanken. Noch immer war sie unfähig, ein einziges Wort auszusprechen. ,, Worauf wartest du, deine Zeit läuft“, lachte ihr mehr als verrückter Nachbar nun. Das brauchte Lacey, um aus ihrer Starre zu erwachen. Vor Adrenalin und Konzentration, die für die Situation gebraucht wurde, schoben sich ihre Angst und alle anderen Emotionen in den Hintergrund. Aus einem Reflex heraus griff sie mit beiden Händen nach der Pistole und versuchte, sie mit aller Kraft an sich zu reißen. Wie zu erwarten, scheiterte sie jedoch an der definitiv größeren Kraft ihres Gegenübers. Dessen Miene änderte sich währenddessen schlagartig. Seine Augenbrauen reichten schon beinahe bis zu seinem Haaransatz und seine Stirn war übersät von tiefen Falten des Ärgers. Noch dazu bestanden seine Lippen nur noch aus zwei millimeterdünnen Strichen. ,,Das hätte ich an deiner Stelle nicht getan.“ Mittlerweile stand auch Aiden am Geländer und schaute hinunter. Jetzt war es wieder da. Das Psycholächeln von ihrem kranken Nachbarn. Denn jetzt konnte er die Pistole auf den unwissenden Aiden richten. ,, Jede Handlung hat ihre Konsequenzen, Lacey. Merk dir das für die letzen Minuten.“ Als Laceys Mann die Situation wahrnahm, wich ihm die Farbe aus dem Gesicht und er schluckte merklich. Er wollte noch etwas sagen, aber Aidens Stimme brach noch vor dem ersten Wort. Geschockt fiel sein Blick nun auf Lacey, die ihn nur entschuldigend und mit Tränen in den Augen ansah. Leise streckte sie ihren Arm nach der Kommode aus, wo ein Feuerzeug lag. Die Augen von Jordan lagen noch auf Aiden. Er zielte zwischen seine Augen. Mit dem Finger auf dem Abzug fragte er an beide: ,,Noch letzte Worte?“ ,,Ja, deinen Ratschlag solltest du dir selbst zu Herzen nehmen“, antwortete Lacey mit einem hinterhältigen Lächeln und schmiss sich auf ihr Gegenüber. Dadurch verfehlte der Schuss ihren Mann nur um Millimeter. Lacey wurde jedoch von ihrem Nachbarn aufgefangen, welcher sie mit vor Wut und Unglaube verzerrtem Gesicht anschaute und anschließend gegen die Wand beförderte. Trotz des Schmerzes und des Schwindels, der sich nun in Lacey ausbreitete reagierte sie wie geplant, öffnete das Feuerzeug und war es auf Jordan. Dieser fing Feuer und fing an gequält zu schreien. Es ging durch Mark und Bein, aber Laceys Kopf sank nur an der Wand hinunter. Aber sie hatte nicht mit Jordan gerechnet. Mit den Worten ,,Wenn ich nicht, dann keiner.“ schleppte er sich zu den Vorhängen, welche sofort Feuer fingen und dieses wie ein Lauffeuer weitergaben.