KLAUSUR von Dr. C. Grupen

Brandholz steht unter Hausarrest. Er kommt gut damit zurecht. Es macht ihm nichts aus, dass er das Haus nicht verlassen darf. Das Haus, das er ganz allein bewohnt, ist sehr geräumig, aber das ist nicht der Grund dafür, dass Brandholz mit dem Arrest so gut zurechtkommt. Er nutzt sowieso nur eine winzig kleine Kammer unter dem Dach. Darin schläft und arbeitet er. Er behauptet, er sei in dieser Kammer geboren worden, und er plane auch, darin zu sterben. Die weiten und herrschaftlich möblierten Zimmerfluchten im Erdgeschoss und im ersten Stock sind, wie Brandholz selbst, verwaist, seit seine Eltern gestorben sind. Die Möbel sind mit weißen Tüchern abgedeckt, die Vorhänge sind immer zugezogen, und die Kamine bleiben kalt. Offenes Feuer in geschlossenen Räumen hält Brandholz grundsätzlich für zu gefährlich. Seine Dachkammer beheizt er mit einem elektrischen Radiator, der er auf dem Flohmarkt gekauft hat. Der Radiator verströmt einen seltsamen Geruch. Es dauert auch sehr lange, bis seine gelblich verfärbten Rippen warm werden, aber das nimmt Brandholz in Kauf. Schlechte Luft macht ihm nicht viel aus, und auf Bequemlichkeit legt er keinen Wert. Die meisten Dinge, die anderen Menschen wichtig sind, spielen für Brandholz keine Rolle. Er lebt in seiner eigenen Welt.

Der wahre Grund dafür, dass Brandholz so gut mit dem Arrest zurechtkommt, hat mit dem Haus nichts zu tun, oder nur insofern, als das Haus es ihm erlaubt, größtmöglichen Abstand zu anderen Menschen zu halten. In Wahrheit hat Brandholz es schon immer als Zumutung empfunden, das Haus verlassen zu müssen, zumindest, wenn das hieß, dass er sich unter Menschen begeben musste. Die meisten Menschen sind schlecht und dumm, sagt Brandholz. Das gelte nach allem, was er wisse, für die ganze Welt, aber in unserem Tal sei es am schlimmsten. Unser Tal bringe zuverlässig besonders schlechte und besonders dumme Menschen hervor. Das sei schon immer so gewesen, aber seit der Feuersbrunst vor ein paar Jahren sei es noch schlimmer geworden. Das Feuer habe die Besten verzehrt und die Schlechtesten verschont, und die Verschonten vermehrten sich nun wie die Kaninchen. Für die Zukunft sehe er schwarz.

Brandholz wacht früh auf, obwohl er sich keinen Wecker stellt, und er steht auch immer sofort auf, obwohl er niemandem verpflichtet ist. Er macht eine Stunde lang gymnastische Übungen, um einer angeborenen Verkrümmung seiner Wirbelsäule entgegenzuwirken. Er wäscht sich mit kaltem Wasser und kleidet sich an. Zum Frühstück isst er einen Apfel. Dann braut er einen Liter starken Kaffee, den er in eine Thermoskanne füllt. Damit setzt er sich an den Schreibtisch. Die Zeit, die er normalerweise im Seminar verbringt, verbringt er jetzt mit der Arbeit an seinem Manuskript. Er hat gleich am ersten Tag des Hausarrests mit der Arbeit an einem neuen Buch begonnen. Für Brandholz ist die äußere Beschränkung eine innere Befreiung. Der Hausarrest befreit ihn von jedem Zwang, seinen Schreibtisch zu verlassen. So kann er sich ganz auf seine Arbeit konzentrieren.

Wenn die Sonne ihren höchsten Stand erreicht, beendet Brandholz die Arbeit am Manuskript. Zum Mittag isst er zwei Scheiben Schwarzbrot. Danach braut er eine zweite Kanne Kaffee. Den Nachmittag verbringt er damit, das, was er am Vormittag mit der Hand geschrieben hat, mit seiner Olympia ins Reine zu schreiben. Das meiste von dem, was er vormittags schreibt, verwirft er nachmittags wieder. Für jede verworfene Seite genehmigt er sich eine Zigarette. Oft bleibt von zwanzig handgeschriebenen Seiten nur eine einzige Seite Reinschrift übrig. Je mehr Brandholz schreibt, desto mehr verwirft er auch. Es kommt sogar vor, dass er alles, was er vormittags geschrieben hat, nachmittags verwirft, so dass er am Abend mit leeren Händen dasteht, während der Aschenbecher überquillt.

Wenn die Sonne untergeht, beendet Brandholz sein Tagwerk. Er wechselt von seinem hölzernen Schreibtischstuhl auf einen Polstersessel und isst einen Riegel Schokolade. Dazu trinkt er einen letzten Schluck Kaffee und raucht eine letzte Zigarette. Den Abend verbringt Brandholz mit Lektüre. Er liest ausschließlich Kierkegaard. Unter den wenigen Gedanken, die es wert seien, gedruckt zu werden, seien die Gedanken Kierkegaards die wertvollsten, sagt Brandholz. Er hat sogar Dänisch gelernt, um die Werke Kierkegaards im Original lesen zu können. Die dänische Sprache sei zwar eine Zumutung für jeden feinfühligen Menschen, aber nur im dänischen Original sei die ganze Tiefe der Verzweiflung, mit der Kierkegaard Zeit seines Lebens gerungen habe, zu ermessen. Brandholz besitzt eine Kierkegaard-Gesamtausgabe in sechs Bänden. Wenn er mit dem sechsten Band fertig ist, fängt er mit dem ersten wieder an. So gehen seine Tage hin. Nachts schläft er. Tagsüber schreibt er. Abends liest er. Ein Tag ist wie der andere. Nur der Montag ragt aus dem Gleichmaß der Tage heraus. Am Montag beliefert der alte Wienroth Brandholz mit Lebensmitteln. Er bringt ihm eine Tüte Äpfel, eine Packung Schwarzbrot, ein Pfund Kaffee, eine Stange Zigaretten und eine Tafel Schokolade. Damit kommt Brandholz eine ganze Woche aus.

Ohne Wienroth wären wir alle schon längst verhungert. Wienroth beliefert nicht nur Brandholz, sondern das ganze Tal mit Lebensmitteln, denn das ganze Tal steht unter Hausarrest. Nicht zur Strafe für eine Sünde, die wir begangen haben, sondern zum Schutz vor der rätselhaften Seuche, die über uns gekommen ist. Die Seuche tötet jeden, der sich ungeschützt ins Freie begibt. Anfangs starben die Menschen wie die Fliegen, sobald sie vor ihre Häuser traten, weil keiner von der Seuche wusste. Wir wissen auch heute noch nicht viel. Keiner weiß, woher die Seuche kommt, und ob sie je wieder verschwinden wird. Alles, was wir wissen, ist, dass es keine Impfung und keine Heilung gibt. Jeder, der mit der Seuche in Berührung kommt, ist dem Tod geweiht, und die Seuche ist überall.

An jedem Monatsersten jagt der alte Wienroth ein Ferkel aus seinem Stall durch eine eigens dafür konstruierte Schleuse ins Freie. Bisher sind alle Ferkel nach wenigen Metern zusammengebrochen und verreckt, sagt Wienroth. Vor seinem Stall liegt mittlerweile ein Dutzend tote Ferkel, denn die Seuche wütet schon ein ganzes Jahr. Von den ersten Ferkeln, die er hinausgejagt hat, sind nur noch bleiche Knochen übrig. Der alte Wienroth ist der einzige, der sich überhaupt noch vor die Tür traut. Seine Lieferungen legt er, luftdicht verpackt, in dafür bereitgestellte Kisten, die die Hausbesitzer mit langen Stöcken in ihre Häuser ziehen, oder in Körbe, die die Bewohner von Etagenwohnungen an langen Schnüren zu sich in ihre Wohnungen heraufziehen. Wienroth selbst trägt bei seinen Touren einen luftdichten Anzug, Handschuhe aus dickem Gummi und eine Schutzmaske, die Mund und Nase bedeckt. Wenn er von seiner Tour zurückkommt, reinigt er den Anzug und die Handschuhe mit verdünnter Schwefelsäure. Die Maske kocht er in Salzwasser aus.

In den ersten Wochen des Arrests läutete der Diakon von Sankt Antonius jeden Tag die Glocken und verbreitete über einen auf dem Kirchturm angebrachten Lautsprecher seine Predigten. Der Diakon hält die Seuche für eine Prüfung. Gott prüfe unser Tal, wie er einst Hiob geprüft habe. Wer die Prüfung bestehe, werde gerettet werden. Wienroth gefiel das nicht. Wienroth hat seinen eigenen Kopf, und seiner Ansicht nach ist der Glaube Privatsache. Er bat den Diakon, seinen Missionseifer zu zügeln. Aber der Diakon blieb hart und predigte weiter. Seine Predigten wurden im Ton sogar noch schärfer. Er verkündete, die Seuche sei der Dreschflegel Gottes, mit dem der Allmächtige die Spreu vom Weizen trenne. Erst, als Wienroth dem Diakon zu verstehen gab, dass er ihn in Zukunft nicht mehr mit Tabak und Schnaps beliefern werde, falls der Diakon weiterhin ungefragt das ganze Tal beschallen sollte, gab der Diakon klein bei. Nur läutet er nur noch am Sonntag die Kirchenglocken. Predigten hält er keine mehr. Ich nehme das Glockengeläut zum Anlass, ein Blatt von meinem Wandkalender abzureißen. Der Kalender gibt mir Halt, und Halt kann ich gut gebrauchen, denn ich komme mit dem Arrest weit weniger gut zurecht als Brandholz. Ich lebe in eher beengten Verhältnissen, und mir fehlt die Bewegung an der frischen Luft, aber das sind nicht die Gründe dafür, dass der Arrest mir zu schaffen macht.

Wenn ich, wie Brandholz, eine Aufgabe hätte, wäre der Arrest mir, wie ihm, gleichgültig oder vielleicht sogar willkommen. Aber anders als Brandholz habe ich keine Aufgabe. Nachts liege ich stundenlang wach, und tagsüber schlafe ich ständig ein. Ich gehe immer später zu Bett und stehe immer später auf. An manchen Tagen verlasse ich das Bett gar nicht mehr. Wozu auch? Manchmal schalte ich das Radio ein. Meistens schalte ich es aber gleich wieder aus, denn der einzige Sender, den wir im Tal empfangen können, sendet nur ein Notprogramm. Darin geht es ausschließlich um die Seuche. Dabei gibt es schon seit Monaten keine Neuigkeiten. Die einzige Straße, die in unser Tal führt, ist und bleibt abgeriegelt. Niemand kommt ins Tal hinein, und niemand darf das Tal verlassen. Alle paar Wochen setzt ein Helikopter eine Palette mit Lebensmitteln in Wienroths Hof ab. Angeblich arbeiten die besten Ärzte der Welt an der Erforschung der Seuche und der Entwicklung eines Gegenmittels, aber daran glaube ich nicht. Warum sollten die Ärzte ihre Zeit mit der Rettung eines Tals verschwenden, in dem höchstens noch ein paar hundert Menschen leben? Wir können froh sein, wenn sie keine Bomben auf uns werfen. Ich vermute, sogar die Bomben sind ihnen für uns zu schade. Mit der Zeit wird das Problem sich von selbst erledigen. In den ersten Monaten nach Verhängung des Arrests haben ein paar Wagemutige in selbstgenähten Schutzanzügen versucht, einen der umliegenden Bergkämme zu überwinden und auf versteckten Pfaden in eines der Nebentäler zu gelangen, aber niemand hat je wieder etwas von ihnen gehört. Ich gehe davon aus, dass sie nicht mehr leben. Die Alten und die Schwachen sterben sowieso von alleine, seit sich niemand mehr um sie kümmert. Die Jungen haben sich anfangs noch ans Leben geklammert, aber das ging schnell vorbei. Das, was vom Leben jetzt noch übrig ist, genügt ihnen nicht mehr. Diejenigen, die einander noch vor kurzer Zeit mit Beweisen ihrer Lebenslust überboten, schneiden sich nun reihenweise die Pulsadern auf und schlucken schachtelweise Schlaftabletten. Männer erschießen erst ihre Frauen und dann sich selbst. Frauen mischen ihren Männern Unkrautvernichtungsmittel ins Essen und hungern sich dann zu Tode. Verzweifelte Eltern mauern ihre Kinder in dunklen Kellern ein. Dramatische Naturen übergießen sich mit Benzin und stecken sich in Brand. Einsame Seelen hängen sich mit spröden Stricken an morschen Balken auf. Die Stricke reißen. Die Balken brechen. Die Lebensmüden stürzen in die Tiefe. Wer Glück hat, bricht sich das Genick und ist sofort tot. Wer Pech hat, verletzt sich und verblutet oder verdurstet. Einige gehen einfach hinaus ins Freie, wo sie umfallen und verrecken wie Wienroths Ferkel. So erzählt es mir zumindest Wienroth. Ob er die Wahrheit sagt, weiß ich nicht. Es spielt auch keine Rolle. Wir werden sterben, und die Welt wird uns vergessen.

Brandholz lässt sich von der Aussichtslosigkeit der Lage nicht beirren. Er schreibt und schreibt und schreibt. Manchmal frage ich mich, ob Brandholz sich die Seuche nur ausgedacht hat, um ungestört schreiben zu können, aber bei aller Bewunderung für seine Vorstellungskraft bezweifle ich doch, dass sie so weit reicht. In unregelmäßigen Abständen ruft Brandholz mich an, um mir mitzuteilen, dass er ein Kapitel beendet, eine der Hauptfiguren geopfert oder eine neue Figur eingeführt hat. Wenn ich es wage, gegen den Tod einer Figur, die mir ans Herz gewachsen ist, zu protestieren, bezichtigt Brandholz mich der Sentimentalität. Wenn ich Brandholz eine aus seiner Sicht naive Frage stelle oder ihm einen seinem Empfinden nach wertlosen Vorschlag mache, legt er sofort auf. Auch, wenn ich den Hörer nicht gleich nach dem ersten oder zweiten Klingeln abnehme, beendet er den Anruf, sobald ich ihn angenommen habe. Manchmal beschimpft er mich noch, bevor er auflegt. Wenn ich meinerseits versuche, Brandholz anzurufen, geht er nicht ans Telefon. Vielleicht hat er die Klingel abgestellt. Ich glaube, er betrachtet das Telefon nicht als ein Gerät, mit dem andere von sich aus Kontakt zu ihm aufnehmen könnten. Für ihn ist das Telefon ein Mitteilungsinstrument. Brandholz benutzt das Telefon, wie der Diakon den Lautsprecher auf dem Kirchturm benutzt hat, so lange Wienroth ihn gewähren ließ. Ob Brandholz außer mir noch andere Menschen anruft, weiß ich nicht. Ich vermute aber, dass ich der einzige Empfänger seiner Mitteilungen bin.

Als ich längst alle Hoffnung aufgegeben habe, läutet es an meiner Tür. Ich habe die Türglocke schon so lange nicht mehr gehört, dass ich das Geräusch zunächst gar nicht einordnen kann. Erst, als nach längerem Läuten jemand an die Tür klopft, wird mir klar, dass etwas Außergewöhnliches passiert sein muss. Ich spähe durch den Türspion. Draußen steht Wienroth. Er trägt keinen Schutzanzug, keine Handschuhe und keine Maske. Er ist ganz normal gekleidet, und er sieht kerngesund aus. Ich werfe einen Blick auf den Wandkalender. Donnerstag. Normalerweise kommt Wienroth am Montag. Geklopft hat er noch nie. Ich öffne die Tür. Wienroth berichtet mir, das Ferkel, das er vor ein paar Tagen freigelassen habe, sei nicht gestorben, sondern putzmunter in den Wald gerannt. Er habe dann nach und nach alle Ferkel freigelassen. Als eines der Ferkel nach Tagen quicklebendig aus dem Wald zurückkam, habe er sich schließlich selbst hinausgewagt. Ich bitte ihn zu mir herein. Wir öffnen eine Flasche Wein und schalten das Radio ein. Der Sprecher verkündet, die Seuche sei besiegt. Der Arrest sei mit sofortiger Wirkung aufgehoben. In Kürze werde auch die Zufahrtsstraße wieder freigegeben. Wir stoßen darauf an. Wienroth dankt mir für den Wein und verabschiedet sich, um die frohe Botschaft im ganzen Tal zu verbreiten.

Ich nehme ein Bad, schneide mir mit der Papierschere notdürftig die Haare, rasiere mich und ziehe meinen besten Anzug an. Mein erster Weg führt mich zu Brandholz. Er öffnet mir die Tür. Ich erschrecke. Brandholz war schon vor dem Arrest blass und schmal. Jetzt aber ist er bleich wie ein Toter und so mager, dass die Haut sich wie Pergament über seine Knochen spannt. Seine Augen sind gerötet. Er sieht aus, als habe er eine schwere Schlacht geschlagen, aber sein Blick verrät mir nicht, ob er die Schlacht gewonnen oder verloren hat. Vielleicht weiß er es selbst noch nicht. Er führt mich in den Garten. Er sagt, er habe die Arbeit an seinem Buch am Abend des Vortags abgeschlossen. Er gibt mir das Typoskript. Es trägt den Titel „Die vergiftete Krone“. Ich setze mich auf einen Baumstumpf im Halbschatten. Brandholz zieht sich ins Haus zurück. Ich beginne zu lesen.

Der erste Satz lautet: „Das Ende ist der Anfang.“