MEINE STOFFE von M. Ratering

„Meine Stoffe“ – vom Puppenkleidchen bis zur Atemmaske/Biographie

Schon immer haben mich Stoffe fasziniert. Ich erinnere mich, dass ich als kleines Mädchen so begeistert von den Farben, von den Mustern der Kleider der Trägerinnen war, dass ich ganz vorsichtig die Nähe der Personen suchte, um diesen Stoff so unbemerkt berühren zu können. Es kam mir so vor, dass helle Farben sich frischer und klarer anfühlten und dunkle Farben wärmer und kuscheliger. Diese Vorliebe für Stoffe und ihre Farben und Materialien hat mich mein ganzes Leben begleitet.

Wie habe ich mich, die Elfjährige, gefreut, als unsere Nachbarin, eine weitgereiste alleinstehende Lehrerin mir einen leuchtenden, kleinkarierten Stoff aus Dänemark mitbrachte, aus dem ich erste Baumwollsäckchen und Puppenkleidchen nähte. Aus dem feinen roten Stoff, den sie mir aus Marokko mitgebrachte, nähte ich später schmückende Kissen für meine erste Studentenbude.
Im Laufe der Jahre, längst hatte ich meine eigene kleine Familie, wurden mit jedem Wohnungswechsel immer wieder neue Gardinen, Tischdecken, Kissen, aber auch hin und wieder Kleidungsstücke für mich und die Kleinen genäht. Die Stoffe kaufte ich aber nicht nur auf dem hiesigen Stoffmarkt und im schwedischen Möbelhaus. Immer wenn sich die Gelegenheit bot, brachten wir aus den Urlaubsorten Europas und später auch von den fernen Reisen landestypische Baumwollstoffe von den Märkten der Welt mit. Erinnerungen an diese schönen Reisen wurden durch die genähten Sachen aufrechterhalten. Kleine Reste wurden in einer Box, die im Laufe immer größer wurde, aufbewahrt. Es entstand eine richtige Sammelleidenschaft. Noch heute bringen mir, die inzwischen erwachsenen Kinder von ihren Reisen mitunter einen besonderen, exotischen Stoff mit. Und immer wieder hole ich diese Box von Zeit zu Zeit hervor, um selbst aus den kleinsten Fetzchen niedliche Dekorationsgegenstände oder Beutelchen zu nähen.

Und dann, jetzt im März 2020, kam die Coronazeit. Das Abstandhalten und häufige Händewaschen wird dringend empfohlen. Es wird viel über Husten- und Nieshygiene diskutiert. Das Reden über das Für und Wider des Tragens einfacher Masken zum Abdecken von Mund und Nase füllt ganze Talkshows. Ich wähle aus unzähligen Anleitungen im Internet ein Modell, dass mir gefällt und durch die Abnäher gut zu sitzen scheint. Zum Glück habe ich noch eine große Rolle weiches, schmales Wäschegummiband – es ist zurzeit nämlich wie Toilettenpapier auch knapp. Ich krame in meiner Box. Da liegen diese wunderschönen Baumwollreste in allen Farben und Mustern. Sie alle haben ihre eigenen Geschichten und die Erinnerungen werden in meinem Kopf lebendig. Zärtlich berühre ich meine Stoffläppchen. Die Baumwolle fühlt sich angenehm auf der Haut an. Sie verträgt eine Kochwäsche und kann heiß gebügelt werden. Diese klaren, frischen Farben passen zu dieser bestimmten Person überlege ich. Der Stoff mit den Erdtönen, den wir aus Afrika mitgebracht haben, gefällt sicher unserem Sohn. Und schau, der dunkelblaue mit den hellblauen Streifen, von dem wir mal eine Mitteldecke hatten, wird meinem Mann gut stehen. Ich schneide zu, ich stecke den Stoff zusammen, ich nähe. Zuerst tue ich mich noch etwas schwer, muss auch mal mühselig auftrennen, aber dann klappt es. Aha-Momente entstehen, weil der Stoff so freundlich aussieht, ein sogenannter „Hingucker“ ist. So entsteht ein Mundschutz nach dem anderen für mich und die Familie, für Bekannte und Arbeitskollegen der Kinder und für Freunde der Freunde … Dankbar denke ich mit jeder Atemmaske daran, wo ich den Stoff herhabe und was mal daraus entstanden ist, denke an bisherige Wohnungen und liebe Menschen sowie an Erlebnisse und Reisen.

Und während ich Masken in Umschläge stecke und ein paar Zeilen dazu schreibe, um sie persönlich in die Briefkästen am Haus zu stecken oder per Post zu versenden, wünsche ich mir von Herzen, dass mein Mann und ich die Kinder nicht nur über Skype sehen, dass wir bald wieder Kontakte pflegen und Besuch willkommen heißen können. Hoffentlich können wir mal wieder ausgehen, ein Theaterstück sehen oder ein Konzert live im Saal hören oder uns nach einer Fahrradtour im Biergarten stärken. Hoffentlich können wir bald die Länder kennen lernen, die wir schon immer besuchen wollten.

Gern möchte ich dieses bunte Leben zurück.

Mein Vorrat an farbigen Stoffen aus aller Welt ist bald verbraucht. Die Erinnerungen aber nicht.

Und letzten Samstag im Supermarkt, da sah ich einen mir unbekannten Mann am Gewürzregal, er trug eine auffallende Stoffmaske. Einen Mundschutz von mir genäht. Ich weiß es ganz genau, er war aus dem Stoff, den unser Sohn uns vor Jahren mitgebracht hat – aus einem Dorf in Madagaskar.