PATIENT 1 von S. Vincke

Ein Virus und die Frage nach der Schuld

Er öffnete die Haustür, streifte sich auf der Fußmatte die Laufschuhe ab und betrat schwitzend und völlig matt die Wohnung. Selten hatte er sich bei seinem morgendlichen Lauf so schlapp gefühlt. Dabei war er doch so gut im Training gewesen. Irgendetwas stimmte seit zwei Tagen nicht mit ihm, das spürte er. Er schleppte sich zum Kühlschrank, nahm eine gekühlte Flasche Wasser heraus, öffnete sie, nahm einen tiefen Schluck. Als er erneut ansetze, begann die Welt sich zu drehen. Klirr…

„Wo bin… ich?“, waren seine ersten Worte, als er wach wurde. „Was ist passi…?“, fragte er mit schwachen Worten und versuchte krampfhaft, die Augen offen zu halten. „Schhhh“, versuchte die Schwester ihn zu beruhigen. „Sie müssen Ihre Kräfte sparen. Sie lagen zehn Tage im Koma. Aber schön, dass Sie nun wieder bei uns sind. Der Doktor ist jeden Moment bei Ihnen.“ Er versuchte erneut die Augen zu öffnen, hatte aber Mühe. „Meine Frau…“, brachte er mühsam hervor. „Auch sie ist gleich bei Ihnen; haben Sie ein wenig Geduld.“ „…schlecht Luft…“, presste er hervor. „Ich schließe sie wieder an das Sauerstoffgerät an. Aber nun ruhen Sie sich erst einmal aus!“

Er war dem Tod noch einmal von der Schippe gesprungen. Nach seinem Lauf war er bewusstlos zusammengebrochen. Seine Frau hatte ihn zum Glück gefunden. Man hatte ihn ins Krankenhaus gebracht, wo er kurz darauf ins Koma gefallen war. Die Lungen funktionierten nicht mehr so wie sie sollten. Ärzte und Schwestern hatten rund um die Uhr um sein Leben gekämpft. Es hatte schlecht um ihn ausgesehen, doch er war Sportler, ein Kämpfer. Er hatte den Kampf gewonnen. Er war zurück im Leben.

„Wir dachten zunächst, Sie hätten eine schwere Lungenentzündung“, sagte der Arzt. „Wir haben Sie mit Antibiotika versorgt, doch die schlugen nicht an. Als Ihre Frau uns berichtete, Ihr Laufpartner sei mehrere Wochen in China gewesen, hatten wir einen Verdacht. Wir haben zahlreiche Tests durchgeführt. Nach ein paar Tagen hatten wir die bittere Gewissheit: Sie haben sich mit einem lebensgefährlichen Virus infiziert, das vor einigen Wochen in China ausgebrochen ist.“

„Corona?“ Ungläubig blickte er vom Arzt, der wie ein Marsmensch vermummt vor ihm stand, zu seiner Frau, die vom Nebenraum aus durch eine Fensterscheibe zu ihm sah. Sie hatte Tränen in den Augen, dankbar dafür, dass sie ihn nicht verloren hatte. „Glücklicherweise haben Sie Ihre Frau nicht mit dem Virus infiziert. Sie darf allerdings in den nächsten Tagen aus Sorge einer Ansteckung nicht zu Ihnen. Der Kontakt muss sich daher vorerst auf Telefongespräche beschränken.“ „Und unser Baby…?“ „Alles gut, Ihre Frau wird in zwölf Tagen entbinden. Das Kind ist nicht infiziert.“
Ein riesiger Stein fiel ihm vom Herzen. Er atmete tief durch. Gott sei Dank hatte er die beiden nicht angesteckt; dem Baby ging es gut. Beruhigt schloss er die Augen und schlief ein.

„Time to say good bye…“ – die wohlbekannte Melodie seines Handys ertönte. Die Schwester reichte es ihm. „Mein Junge, du lebst!“ Die Stimme seiner Mutter brach. Sie schluchzte und es dauerte einige Zeit, bis sie sich wieder gefangen hatte. „Du weißt gar nicht, wie überglücklich ich bin, dass ich dich nicht verloren habe. Ich habe Tag und Nacht gebetet. Aber du warst schon immer ein Kämpfer!“ „Mutter“, entgegnete er mit brüchiger Stimme, „ich habe es geschafft. Mir geht es schon wieder besser. Mach dir keine Sorgen mehr. Alles wird gut. Kannst du mir mal Vater geben, ich würde gerne auch seine Stimme…“. Er brach ab, merkte, dass etwas nicht stimmte. Er vernahm entsetzliche Klagelaute, so als sei ein Tier schwer verletzt worden. Verzerrtes Heulen, Schreien. Noch bevor seine Mutter weitersprechen konnte, wusste er es. „Dein Vater… Er hat sich scheinbar bei dir angesteckt… Er kam drei Tage nach dir ins Krankenhaus. Er… er hat es nicht geschafft…!“

Er verspürte Leere, tiefe Trauer. Und er fühlte sich schuldig. Hatte er etwa seinen Vater angesteckt? Hatte er Schuld daran, dass der so liebevolle, aber etwas herzschwache, betagtere Mann, der ihn großgezogen und ihm sein Leben lang helfend zur Seite gestanden hatte, nun nicht mehr unter ihnen war? „Aber ich konnte es doch nicht ahnen!“ Er schluchzte, schrie, wünschte sich, dass alles nur anders gekommen wäre…

Seit zwei Tagen lag er nun nicht mehr auf der Intensivstation, war stattdessen auf die Quarantäne-Station verlegt worden. Seit zwei Tagen starrte er die Wand an. Sein Herz war schwer; er spürte nur noch Schmerz. Vergessen war die Freude und der Dank, selbst überlebt zu haben. Plötzlich klopfte es an der Tür. Die Schwester betrat sein Zimmer, wie immer von oben bis unten in angsteinflößende Schutzbekleidung gehüllt. „Ich gratuliere!“, verkündete sie freudig durch durch ihren Gesichtschutz, ohne dass man die Freude in ihrem Gesicht hätte lesen können. „Sie sind soeben Vater eines gesunden kleinen Mädchens geworden. Mutter und Kind sind wohl auf!“ Sie hielt ihm ihr Handy hin. Darauf sah er ein Bild seiner geliebten Frau und seines kleinen Mädchens. Und wieder flossen bei ihm die Tränen.

„Time to say good bye…“ erklang es vom Nachttisch her. Er griff zu seinem Handy und drückte auf die Annahme-Taste. Ein verlegenes Schweigen war zu vernehmen. „Hallo?… Wer ist denn da?“, fragte er. Ein zögerliches Räuspern folgte, dann ein zaghaftes „Ich bin’s. Ich… ich weiß nicht, was ich sagen soll,… wie ich es sagen soll.“ Die Stimme verstummte; die Stimme seines besten Freundes, mit dem er schon seit Jahren dreimal wöchentlich laufen ging. „Es tut mir so leid!“, brach es aus diesem heraus. „Ich bin der Grund, dass du dich mit dem Virus infiziert hast. Ich habe Schuld, dass du beinahe gestorben wärest, während ich nicht mal Symptome gezeigt habe! Ich hätte so gerne an deiner Seite gestanden, als du mit dem Tod gerungen hast, doch…“ – Die Stimme brach. „Und es tut mir so unendlich leid, dass sich dadurch auch dein Vater mit dem Virus angesteckt hat und nun nicht mehr…“. Ein lautes Schluchzen war zu hören. „Es ist alles meine Schuld!“

„Schuld“. Dieses Wort geisterte die nächsten Minuten, Stunden, Tage in seinem Kopf herum: Kann man schuldig für etwas sein, dessen man sich gar nicht bewusst ist? Trägt man Schuld an etwas, für das man nicht verantwortlich ist? Er hatte das Virus selber gar nicht in sich gespürt und so seinen Vater angesteckt. Er hatte sich verantwortlich für dessen Tod gefühlt. Würde er sich mit diesen Gedanken den Rest seines Lebens auseinandersetzen müssen? Er nahm das Handy, öffnete den Ordner mit den Bildern, schaute sich das Foto seines verstorbenen Vaters an, anschließend das Bild seines neugeborenen Kindes. Er lächelte unsicher und entschied zu vergeben.