SEHNSUCHT von M. Hafenmeyer

„Wir unterbrechen unser Programm für eine wichtige Mitteilung: Die Bevölkerung ist dazu aufgerufen, unnötige, soziale Kontakte möglichst zu vermeiden. Aufgrund der Corona-Krise möchten wir Sie, liebe Hörerinnen und Hörer, bitten, dass Sie am besten zuhause bleiben, damit wir die Pandemie besser in den Griff bekommen können. Und jetzt das Beste aus den 70ern….“
Ich schaltete das Radio ab und sah mich in meinem Zimmer um. Die Sonne schien herein und malte winzige Schatten an die weißen Wände. Meine Bettdecke war ordentlich gefaltet, das bestickte Kissen aufgeschüttelt und mein Nachttisch staubfrei. Auf demselben lagen nur noch mein Brillenetui und ein sehr abgegriffen aussehendes Buch, das ich schon mehrmals in die Hand genommen, doch noch nie zu Ende gelesen hatte.
Außerdem stand auf dem Nachttisch ein silbern glänzender Bilderrahmen mit einem Foto darin, das mir sehr viel bedeutete, denn es zeigte die Menschen, die mir so sehr am Herzen lagen, dass es mich innerlich zerriss, sie nicht sehen zu dürfen.
Meine Tochter Judith stand neben meinem Schwiegersohn Jan und in ihrer Mitte saß lächelnd meine Enkelin Jana und strahlte mich mit ihren grünen Augen an, als wäre die Welt da draußen vollkommen in Ordnung und ich glaubte schon fast daran, dass sie gleich durch die Tür zu mir hereingestürmt käme und dass ich sie in den Arm nehmen und richtig fest an mich drücken würde.
In dem Moment klopfte es plötzlich wirklich an der Tür und ich zuckte erschrocken zusammen.
„Sind sie das etwa?“, fragte ich mich aufgeregt und spürte, wie mein Herz schnell zu pochen begann, „Kann das wirklich sein, dass sie mich besuchen kommen dürfen?“
Meine Aufregung wurde stärker, meine Hände waren nass vor Schweiß und ich stützte mich schwer auf die Lehne meines Sessels, um mich daran hochzuziehen, es war enorm anstrengend, doch als ich es geschafft hatte, blickte ich erwartungsvoll zur Tür hinüber und rief: „Ja, ihr dürft herein kommen!“
Die Tür öffnete sich langsam, es gab ein knarzendes Geräusch und ich sah…
„Hallo, Frau Mayer“, sagte Schwester Svenja fröhlich und stellte das Tablett mit dem Essen auf meinem Nachttisch ab, „ich hoffe, Sie fühlen sich wohl? Soll ich Ihr Kissen noch einmal neu aufschütteln?“
Ich spürte einen Kloß im Hals, der mich daran hinderte zu antworten, meine Augen füllten sich mit Tränen, die ich jedoch entschlossen weg blinzelte, denn ich wollte keine mitleidigen Blicke von Schwester Svenja auf mir ruhen sehen, ich wollte keine liebevollen Worte hören wie „Das wird schon, Frau Mayer“ oder „Ihre Tochter kommt mit Ihrer Enkelin vorbei, wenn die Corona-Pandemie besiegt ist, dann werden Sie sich umso mehr freuen, die beiden wiederzusehen“.
Nein, solche Worte wollte ich ganz sicher nicht zu hören bekommen, denn sie hinterließen bei mir ein riesengroßes Loch in meinem Herzen, das ich niemals würde stopfen können, selbst wenn ich es versucht oder gewollt hätte.
Darum sagte ich nichts, wartete stumm ab, bis Schwester Svenja mein Zimmer verließ, und schaute erneut hinaus aus dem Fenster.
Bei so einem schönen Wetter saßen wir früher alle zusammen im Garten, genossen die Wärme auf unserer Haut und den Wind in unseren Gesichtern. Jan stand am Grill und wartete darauf, dass die Wurst braun wurde, Judith hatte Nudelsalat gemacht und Jana zog ein Stück Brot durch den Ketchup. Ich saß mit ihnen am Tisch und freute mich, dass ich bei meinen Lieben sein durfte.
Vor ein paar Jahren erkrankte ich schwer an- wie hieß das noch einmal?- Ach ja, an Demenz-, und meine Tochter hielt es für das Beste, mich in das Seniorenheim „Sonnengrün“ zu bringen, damit ich dort in den besten Händen wäre, wie sie sich ausdrückte.
Judith, Jan und Jana besuchten mich sehr, sehr oft, wir spielten Karten oder unterhielten uns über frühere Zeiten, manchmal auch über Dinge, an die ich gar nicht mehr gedacht hatte, die mir anscheinend entfallen waren. Warum, weiß ich auch nicht mehr.
Ihre Gesichter lächelten mich aus dem Bilderrahmen an und ich fühlte eine so große Sehnsucht nach ihnen, dass ich schließlich einen Entschluss fasste.
„Ich werde euch bald wiedersehen“, flüsterte ich und strich über das kalte Glas des Rahmens, die Kühle wirkte beruhigend und festigte meinen Entschluss noch mehr, deshalb setzte ich mich an den Schreibtisch, nahm einen Stift und einen Briefbogen von dem Briefblock, die auf dem Tisch standen, und begann zu schreiben.
„Liebe Judith, lieber Jan, meine liebe Enkelin Jana,
ich kann euch gar nicht sagen, wie sehr ich euch vermisse. Es zerreißt mir mein Herz, euch nicht bei mir zu haben, auch wenn ich weiß, dass ihr immer an mich denkt. Doch es ist etwas anderes, euch leibhaftig vor mir zu sehen, mit euch zu reden, euch in den Arm zu nehmen, als euch nur übers Telefon hören zu können.
Ich weiß, ihr denkt, es wäre das Beste für mich, wenn ihr euch fern haltet, ihr glaubt, es fördert meine Gesundheit und ihr tut mir und euch etwas Gutes, damit ich euch nicht anstecken würde, sollte ich das Virus in mir tragen.
Ihr solltet jedoch wissen, dass es mir nicht gut geht, wenn ich meine Familie nicht bei mir habe, es bringt mich beinahe um, wenn ich dich, Jana, nicht im Arm halten, dein Lachen nicht in meinem Ohr hören kann oder wenn ich keine Gespräche mit euch, Judith und Jan, führen darf. Ich vermisse euch so sehr und deswegen werde ich mich jetzt auf den Weg zu euch machen.
Ich freue mich darauf, euch endlich wiederzusehen.
Eure Johanna!“
Als ich fertig war, kramte ich meine Tasche aus dem Schrank, packte dort ein paar Kleidungsstücke, meine Waschtasche und die Süßigkeiten, die Schwester Svenja mir geschenkt hatte, hinein, zog meinen Mantel und Schuhe über und trat hinaus auf den Flur.
Ich schloss meine Zimmertür leise und machte mich auf den Weg. Auf den Weg nach Hause, auf den Weg zu meiner Familie, auf den Weg zu den Menschen, die ich liebte und die mich von ganzem Herzen liebten.
Während ich den Flur durchquerte, begegnete mir niemand. Nicht einmal Schwester Svenja. Erst als ich die gläserne Schiebetür erreichte, sah ich zwei Reinigungsleute mit Mundschutz, Handschuhen und Arbeitsoveralls ihren Dienst antreten, sie schoben die Reinigungswagen durch die Schiebetür, verloren einen Wischmopp und bückten sich, um den Wischmopp aufzuheben.
Das war meine Chance: Ich schlich so leise wie ich konnte, an ihnen vorbei und atmete tief ein und aus, als ich endlich draußen auf die Straße trat.
Die Sonne blendete mich, ich hob eine Hand vor die Augen, um zu erkennen, in welche Richtung ich gehen musste, um meine Lieben wiederzusehen, doch mir wollte einfach nicht mehr einfallen, wo Judith und Jan wohnten. Ich überlegte und überlegte, schüttelte schließlich resignierend meinen Kopf und wandte mich nach rechts in Richtung Bushaltestelle.